Der Drache an der Treppe der Sängerlaube im Sängersaal der Wartburg

Katrin Dölle, Mitarbeiterin im Sekretariat und in der Abteilung Führung der Wartburg, stellt ihr Lieblingsobjekt des Monats November 2020 vor: „Etwas versteckt im Sängersaal der Wartburg lauert, wie zum Sprung bereit, ein ganz besonderer Wächter an der Innentreppe zum Erdgeschoss des Palas: ein Drache. Auf den ersten Blick wirkt das Ungeheuer mit seinem aufgerissenen Maul zwar furchteinflößend, bei genauem Hinsehen und aus anderer Perspektive hat man jedoch den Eindruck, dass hinter der Drohgebärde eher ein freundliches Wesen steckt.“


Der Drache an der Treppe der Sängerlaube. Konrad Knoll nach einem Entwurf von Hugo von Ritgen, 1852
Der Drache an der Treppe der Sängerlaube. Konrad Knoll nach einem Entwurf von Hugo von Ritgen, 1852

Der Drache verfügt über einen pantherartigen Kopf und zwei muskulöse Raubkatzen-Vorderbeine mit ausgefahrenen Krallen. Die angelegten Flügel scheinen aus Schuppen oder Federn zu bestehen. Mit seinem mit Rückenstacheln besetzten, schlangenförmigen Körper ohne Hinterbeine, der sich im hinteren Teil windet und in einer gegabelten Schwanzspitze endet, ähnelt das Fabelwesen einem anderen Wartburg-Drachen. Vermutlich ist die Ausformung an das Ritter-Drache-Tympanon aus dem 12. Jahrhundert angelehnt, das über die Jahrhunderte an unterschiedlichen Stellen der Wartburg verbaut war und heute im Sockelgeschoss des Palas ausgestellt ist. Der Drache, der einen gerüsteten Ritter verschlingt, hat einen hundeähnlichen Kopf, ebenfalls nur zwei Vorderbeine und einen eingerollten, geschuppten Schwanz.

Tympanonrelief aus dem 12. Jahrhundert mit der Darstellung eines Drachen, der einen Ritter verschlingt, Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung, Inv.-Nr. B0102
Tympanonrelief aus dem 12. Jahrhundert mit der Darstellung eines Drachen, der einen Ritter verschlingt, Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung, Inv.-Nr. B0102

Der Drache wurde 1852 nach Entwürfen des Wartburg-Architekten Hugo von Ritgen vom Bildhauer Konrad Knoll (1829–1899) geschaffen. Der zunächst in Karlsruhe und später in München ausgebildete Künstler stand damals noch ganz am Anfang seiner Karriere. An der Akademie der bildenden Künste in München hatte er Moritz von Schwind kennengelernt, der seit 1849 mit Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach in Verhandlungen über die Ausmalung der Räume im 1. Obergeschoss des Palas stand. Schwind pries Hugo von Ritgen den jungen Bildhauer als „ein talentvolles und frisches Bürschchen“ an, so dass Knoll als ersten Auftrag überhaupt die Gestaltung des Drachens in der Sängerlaube übernahm. Später fertigte er weiterhin den heute noch vorhandenen Löwen am Südgiebel des Palas und sein Drachen-Pendant am Nordgiebel sowie einige von den eindrucksvollen Figuren an den Deckenbindern im Festsaal.

Im Kollegium der Wartburg-Stiftung ranken sich viele Geschichten und Anekdoten um das Fabelwesen an der Treppe, die vor allem bei Führungen mit Kindern gerne ausgeschmückt werden. So werden die kleinen Gäste dazu aufgefordert, ihre Hand ins Maul des Drachen zu legen. Allerdings geschieht dies stets mit der Bemerkung, dass nur dann nichts passieren kann, wenn sie noch nie geschwindelt haben, ansonsten würde der Drache zum Leben erwachen und zubeißen. Wie sich jeder vorstellen kann, ist da schon so manche Kinderhand zurückgezuckt…

Fast 170 Jahre thront das Mischwesen nun schon an der Treppe und hat viele Besucher kommen und gehen sehen. Leider wird es im November sehr still um den Drachen werden, da die Wartburg ihre Museumspforten schließen muss. Dennoch ist er gut für die Zeit gerüstet, wenn hoffentlich bald wieder Besucher den Sängersaal beleben: In Zeiten von Corona hält auch er sich nämlich an die Vorgabe, im Innenraum einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen.

Der Drache an der Treppe der Sängerlaube während der Öffnungszeiten beim Rundgang durch den mittelalterlichen Palas im Sängersaal der Wartburg besichtigt werden.

Der Drache an der Treppe der Sängerlaube in Zeiten der Corona-Pandemie
Der Drache an der Treppe der Sängerlaube in Zeiten der Corona-Pandemie


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