„Prost Weihnachten“ – Eindrücke aus der Adventszeit vor mehr als 100 Jahren auf der Wartburg

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Abb. 2: Der Wartburggasthof im Winterkleid, Bernhard von Arnswald, Aquarell, Graphit, Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung
Abb. 2: Der Wartburggasthof im Winterkleid, Bernhard von Arnswald, Aquarell, Graphit, Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung

Anika Lintz, Mitarbeiterin in der Vergabestelle der Wartburg, stellt ihr Lieblingsobjekt des Monats Dezember 2025 vor: „Wenn der erste tiefe Schnee die Wartburg bedeckt, muss ich oft an meine Hochzeit und die besondere Stimmung im Januar 2012 denken, die im tiefen Winter hier oben geherrscht hat: Die Stille und Einsamkeit, die kalte Luft und die wohlig warmen Räume im Wartburghotel. Diese Atmosphäre hat im Advent 1895 auch ein junges Paar erlebt, das seine Flitterwochen im Gasthof der Burg verbracht hat. Die Tagebuchaufzeichnungen des Frischvermählten und die winterlichen Zeichnungen und Fotografien von zwei Kommandanten der Wartburg bilden meine Lieblingsobjekte des Monats Dezember.“

Galerie

  • Abb. 1: Der zweite Burghof der Wartburg im Schnee, Bernhard von Arnswald, Aquarell, Graphit, Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung
    Abb. 1: Der zweite Burghof der Wartburg im Schnee, Bernhard von Arnswald, Aquarell, Graphit, Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung
  • Abb. 2: Der Wartburggasthof im Winterkleid, Bernhard von Arnswald, Aquarell, Graphit, Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung
    Abb. 2: Der Wartburggasthof im Winterkleid, Bernhard von Arnswald, Aquarell, Graphit, Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung
  • Abb. 3: Blick in den ersten Burghof mit Weihnachtsbaum, Hans Lucas von Cranach, Glasnegativ, Wartburg-Stiftung
    Abb. 3: Blick in den ersten Burghof mit Weihnachtsbaum, Hans Lucas von Cranach, Glasnegativ, Wartburg-Stiftung
  • Abb. 4: Die Vogtei mit Nürnberger Erker im Winter, Hans Lucas von Cranach, Autochrom auf Glasplatte, Wartburg-Stiftung
    Abb. 4: Die Vogtei mit Nürnberger Erker im Winter, Hans Lucas von Cranach, Autochrom auf Glasplatte, Wartburg-Stiftung
  • Abb. 5: Blick in den ersten Burghof der Wartburg nach Süden, Hans Lucas von Cranach, Autochrom auf Glasplatte, Wartburg-Stiftung
    Abb. 5: Blick in den ersten Burghof der Wartburg nach Süden, Hans Lucas von Cranach, Autochrom auf Glasplatte, Wartburg-Stiftung
  • Abb. 6: Blick in den winterlichen zweiten Burghof der Wartburg nach Süden, Hans Lucas von Cranach, Autochrom, Wartburg-Stiftung
    Abb. 6: Blick in den winterlichen zweiten Burghof der Wartburg nach Süden, Hans Lucas von Cranach, Autochrom, Wartburg-Stiftung
  • Abb. 7: Wartburg von Norden mit Zugbrücke im Winter, Autochrom auf Glasplatte, Wartburg-Stiftung
    Abb. 7: Wartburg von Norden mit Zugbrücke im Winter, Autochrom auf Glasplatte, Wartburg-Stiftung

Schon Bernhard von Arnswald, von 1841 bis 1877 Wartburgkommandant, hat die langen Winter auf der Wartburg genutzt, um sich in die geheizte Stube zurückzuziehen, seine Korrespondenzen zu erledigen und Tageblätter niederzuschreiben. Auch wenn er 1858 notierte, zwanzig Winter auf der Wartburg müssten „als doppelte Dienstzeit gerechnet werden“, schätzte er doch die Schönheit der Eisblumen an den dünnen Fensterscheiben seiner Wohnung und die malerischen Ansichten der weißen Schneedecke auf den Höfen und Gebäuden. In seinen Zeichnungen fing er diese Stimmungen ein (Abb. 1), so etwa den tiefverschneiten Gasthof neben der Burg, auf den im Abendrot ein Schlitten zufährt (Abb. 2).

So oder so ähnlich wird es auch das junge Paar Emma und Rudolf erlebt haben, das am 4. Dezember 1895 „mit erleichtertem Herz und Portefeuille (Brieftasche)“ vom dem viel zu teuren Hotel „Rautenkranz“ in eine warme Stube im Gasthof der Burg umzog. Schon bald zeigte sich die „Natur in Schnee gehüllt“, die beiden erkundeten die Umgegend wandernd oder im Wagen und Rudolf fotografierte.

Während ihres zweiwöchigen Aufenthalts lernten sie nicht nur zahlreiche Menschen verschiedenster Professionen in Eisenach kennen, auch die Burgbewohner wurden schnell zu Bekannten. Mit den Wirtsleuten Wieprecht spielten sie Skat, besuchten den fast siebzigjährigen Burgdiener Christian Bindel und ließen sich von Burgvogt Richard Barthel beinahe alle Räume der Burg zeigen. Am achten Dezember machten sie dem Kommandanten der Burg, Hans Lucas von Cranach, ihre Aufwartung, der Rudolf noch am gleichen Abend zu einem Fest auf die Burg einlud.

Gegen sechs Uhr angekommen, erblickte der junge Mann rechts nach der ersten Torhalle einen mit Wachslichtern geschmückten Weihnachtsbaum, der zum zweiten Advent glänzte und strahlte. Unverhofft fand er sich dann in der Kommandantendiele „zwischen zwei Landsknechten und einem Mönche“ wieder, denn dieser Abend entpuppte sich als eines der legendären Kostümfeste, die Hans Lucas von Cranach im Winter veranstaltete. Wie die Anwesenden wurde auch der Gast zügig in ein Kostüm „gesteckt“, „erst in Trikots, mit einem roten und einer schwarzen Beinhülle“, dann folgten „ein Paar weite Plumphosen dann ein geschlitztes resp. gepufftes Obergewand, das sich mit vereinten Kräften nur oben und unten durch je einen Knopf zusammen halten ließ und in der Taille mit dem Beinkleid durch einen Gurt zusammengequetscht wurde, dann noch ein gezackter brauner Lederkragen und ein passender Hut und um 400 Jahre hatte man sich verjüngt. Ein Umzug durch die Zimmer, zu einem strahlenden Weihnachtsbaum mit dem 2 ½ Ltr. fassenden Zinnkrug in der Hand, eine kurze Rede mit dem Schluß ‚Prost Weihnachten‘ und das Fest war eröffnet.“ Weiter ging es mit „Guitarrenspiel mit Gesängen, Orgelklavier, Tanz, Kopfstehen, Trunkenheit, Rückkehr.“

Verständlich, dass Rudolfs Tagebucheintrag des nächsten Tages mit „Jammer“ begann. Seine erste Mahlzeit war ein Apfel, aber abends gab es schon wieder eine Flasche Sekt mit seiner frisch angetrauten Emma, die am Vorabend für einen kurzen Moment das Fest besuchte hatte – natürlich hatten da alle „wie gesittete Europäer […] artig auf ihren Plätzen“ gesessen.

Mit Hans Lucas von Cranach speiste das Paar schließlich auch gemeinsam im Gasthof. Dieses Abendessen im kleinen Kreis, das mit Austern begann „und nach sehr guten Pasteten, Lachs, Filetsauce, Fasan, Pückler, Käse, Konfekt“ mit Sekt, einigen Flaschen Rotwein und Wartburg-Pfeifen endete, verlief offenbar sehr angenehm.

Später sortierte Rudolf, der ja selbst fotografierte, mit dem Burghauptmann dessen Glasnegative. Die Fotografien zeigen bis heute die Burg auf wunderbare Weise, so erblickt man beispielsweise den Tannenbaum vor der Ritterhausdiele im ersten Burghof (Abb. 3). Aber besonders die Farbaufnahmen im Autorchromverfahren, die Cranach ab 1908 fertigte, lassen die winterliche Wartburg in schönstem Licht erscheinen (Abb. 4–7).

Auch wenn man angesichts dieser Bilder und Eindrücke vom Advent auf der Wartburg in ferner Vergangenheit etwas wehmütig werden möchte, sind doch die Wochenenden in der Vorweihnachtszeit auch in der Gegenwart etwas ganz besonderes. Immerhin wartet der historische Weihnachtsmarkt mit seiner einzigartigen Atmosphäre auf, bei der man alte Handwerkskunst, Musik und Lichterglanz ebenso erleben wie kulinarischen Speisen und köstliche Getränke genießen kann. In diesem Sinne „Prost Weihnachten“ auf der Wartburg!

Abbildungsunterschriften und -nachweise:

Abb.1: Der zweite Burghof der Wartburg im Schnee, Bernhard von Arnswald, Aquarell, Graphit, Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung, Inv.-Nr. G3383
Abb.2: Der Wartburggasthof im Winterkleid, Bernhard von Arnswald, Aquarell, Graphit, Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung, Inv.-Nr. G1648
Abb.3: Blick in den ersten Burghof mit Weihnachtsbaum, Hans Lucas von Cranach, Glasnegativ, Wartburg-Stiftung, Fotothek
Abb.4: Die Vogtei mit Nürnberger Erker im Winter, Hans Lucas von Cranach, Autochrom auf Glasplatte, Wartburg-Stiftung, Fotothek, Inv.-Nr. PI_03_0125_C
Abb.5: Blick in den ersten Burghof der Wartburg nach Süden, Hans Lucas von Cranach, Autochrom auf Glasplatte, Wartburg-Stiftung, Fotothek, Inv.-Nr. PI_03_0146_C
Abb.6: Blick in den winterlichen zweiten Burghof der Wartburg nach Süden, Hans Lucas von Cranach, Autochrom, Wartburg-Stiftung, Fotothek, Inv.-Nr. PI_03_0148_C
Abb.7: Wartburg von Norden mit Zugbrücke im Winter, Autochrom auf Glasplatte, Wartburg-Stiftung, Fotothek, Inv.-Nr. PI_03_0378_C

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