Geschichten von der Baustelle Wartburg – Maurer erzählen
Janine Werning, Mitarbeiterin der Abteilung Gästeführung und Museumsaufsicht der Wartburg-Stiftung, stellt ihr Lieblingsobjekt des Monats Juli 2026 vor: „Immer, wenn ich in der aktuellen Sonderausstellung im Museum meinen Dienst tue, schaue ich mir besonders gern die Karte der Wasserleitung der Wartburg an. Dann versuche ich mir vorzustellen, wie im Jahr 1901 die Arbeiter im Thüringer Wald die neuen, schließlich 26 km langen Leitungen zur Burg verlegt haben. Mein Ur-Ur-Großvater Gustav war damals auch dabei.“
Neben den vielen interessanten und manchmal sogar kuriosen Exponaten, die in der Sonderausstellung „Schätze, Schutt, Skurrilitäten“ zu bestaunen sind, finde ich die Geschichten besonders interessant, die direkt von der Baustelle Wartburg mit den unzähligen Handwerkern, die hier gearbeitet haben, berichten. So gibt es beispielsweise ein Verzeichnis aus dem Jahr 1853, das alle bis dahin bei der großen Erneuerung der Wartburg beschäftigten Arbeiter namentlich nennt. Von circa der Hälfte der 96 aufgelisteten Meister, Poliere, Gesellen, Steinbrecher und Handlanger konnte man sogar ermitteln, wo sie seinerzeit in Eisenach gewohnt haben. Ich kann mir vorstellen, dass etliche auch in den umliegenden Dörfern gelebt haben. So wie damals auch mein Vorfahre Gustav, der aus Etterwinden kam.
Auf den zahlreichen eindrucksvollen Fotografien in der Ausstellung sind sehr viele Maurer, Steinmetze, Klempner oder Handlanger bei ihrer Arbeit zu sehen. Die ältesten Bilder stammen aus der Mitte der 19. Jahrhunderts (Abb. 1), die jüngeren aus den 1960er Jahren. Besonders auf diesen Bildern besteht manchmal noch die Möglichkeit, die Abgebildeten zu identifizieren. Ich war zum Beispiel selbst dabei, wie ein Paar einen Nachbarn aus seinem Ort wiedererkannt hat. Auch andere schöne Begegnungen dieser Art hat die Ausstellung bereits ermöglicht. So waren zwei Ehepaare hier auf der Burg, deren Männer als Lehrlinge bei der PGH Hörseltal gelernt und auf den zahlreichen Baustellen großen Bau- und Restaurierungsphase der 1960er Jahre hier auf der Wartburg mitgearbeitet haben. Auf einem Foto der Firma haben die beiden viele damalige Kollegen gleich wiedererkannt (Abb. 2). Ihre Maurerlehre haben sie im September 1965 auf der Wartburg begonnen, wo sie neben der Berufsschule zweimal wöchentlich an unterschiedlichen Gebäuden im Einsatz waren. Der Arbeitsweg war beschwerlich, denn nur selten ist ein Betriebsbus gefahren, und meistens – vor allem im Winter – mussten beide, die mit dem Zug aus umliegenden Dörfern kamen, vom Bahnhof bis auf die Burg laufen, wo um 7 Uhr die Arbeit begonnen hat.
Dass während des Arbeitstages auch gerne mal das ein oder andere Bierchen getrunken wurde (Abb. 3), davon konnte auch der Sohn von Waldermar Scholz erzählen, dessen Vater ebenfalls in einer Maurerbrigade der PGH (Produktionsgenossenschaft des Handwerks) Hörseltal tätig war. Tatsächlich wurde den Handwerkern in dieser Zeit sogar noch ein monatliches Deputat Bier zur Verfügung gestellt. Herr Scholz wusste allerdings, dass es sich damals um Einfachbier – meistens Dünnbier genannt – mit einem geringen Alkoholgehalt gehandelt hat.
Die Erinnerungen von Waldemar Scholz an diese Zeit sind erfreulicherweise in zahlreichen Bildern festgehalten worden, denn ein ganzes Fotoalbum hat er seiner „Brigade Braun“ gewidmet. Es zeigt unter anderem die zahlreichen Baustellen der Burg, auf denen die Maurer in den 1960er bis in die frühen 1970er Jahre gearbeitet haben. Dazu gehörten das Gadem, in dem im Erdgeschoss das Café eingerichtet wurde, oder das Hotel. Der frühere Gasthof wurde einer großangelegten „Generalreparatur“ unterzogen, bei der auch eine Selbstbedienungsterrasse entstand (Abb. 4). Am Südturm wurden die Fugen ausgebessert (Abb. 5), und die Handwerker sind auch hoch oben, am Kreuz auf dem Bergfried zu sehen, das 1965 saniert und neu vergoldet worden ist (Abb. 6).
Im Zusammenhang mit der Sicherung und umfassenden Sanierung der südlichen Wehrmauer in den frühen 1970er Jahren konnten Herr Scholz und sein Fotoalbum schließlich auch ein altes Rätsel auflösen. Auf einem Foto, das auch in der Wartburg-Fotothek vorhanden ist, kann man nämlich eine Flaschenpost sehen, in der eine Nachricht mit zahlreichen Unterschriften und der gerade noch erkennbaren Jahreszahl 1972 steckt (Abb. 7). Meine Kolleginnen und Kollegen haben sich lange gefragt, was es damit wohl auf sich hat. Nun wissen wir, dass die „Brigade Braun“ diese Flaschenpost nicht nur befüllt, sondern auch in der Südmauer der Burg versenkt hat. Ob die dafür notwendige Flasche unmittelbar vorher geleert wurde, wissen wir nicht. Entsprechend fröhlich sehen die Männer beim Versenken jedenfalls aus (Abb. 8). Wenn die Flaschenpost noch immer in der südlichen Wehrmauer ruht, wird sie vielleicht erst in vielen, vielen Jahren – wenn die Mauer wieder saniert werden muss – die Handwerker späterer Generationen überraschen!
Wenn Sie noch mehr über versenkte Botschaften und andere interessante Begebenheiten von der Baustelle Wartburg erfahren möchten, erwartet Sie unsere Sonderausstellung „Schätze. Schutt. Skurrilitäten“ zu den Öffnungszeiten.
Hat einer Ihrer Vorfahren hier auf der Wartburg gearbeitet, oder haben Sie eigene Erinnerungen oder Fotografien von Bauarbeiten beizutragen? Melden Sie sich gern per Mail an info@wartburg.de oder telefonisch unter 03691 - 2500. Wir freuen uns darauf.
Abbildungsunterschriften und -nachweise:
Abb. 1 Blick auf die Baustelle der Dirnitz der Wartburg nach Süden, 1866, Fotografie, Wartburg-Stiftung, Fotothek, Inv.-Nr. Map_01_023
Abb. 2 Die Mitarbeiter der PGH Hörseltal und anderer Firmen auf der Schanze der Wartburg, 1965/1966, Fotografie, Wartburg-Stiftung, Fotothek
Abb. 3 Mauer beim Bau eines Schornsteins auf der Dirnitz, 1965/65, Fotografie, Wartburg-Stiftung, Fotothek, Inv.-Nr. Dia_04_1455
Abb. 4 Der Terrassenbau am Hotel der Wartburg, 1966/67, Fotografie, Privatbesitz
Abb. 5 Die Brigade Braun der PGH Hörseltal bei Fugenarbeiten am Südturm, 1964, Fotografie, Privatbesitz
Abb. 6 Die Brigade Braun der PGH Hörseltal am Kreuz auf dem Bergfried, 1965, Fotografie, Privatbesitz
Abb. 7 Die Flaschenpost der Brigade Braun, 1972, Fotografie, Privatbesitz
Abb. 8 Die Brigade Braun bei Versenken der Flaschenpost in der südlichen Wehrmauer, 1972, 1972, Fotografie, Privatbesitz