Einhörner auf der Wartburg
Ulrich Baumhauer, Gästeführer der Wartburg, stellt sein Lieblingsobjekt des Monats Februar 2026 vor: „Das Einhorn mit seinen vielfältigen Bedeutungen ist ein faszinierendes Fabeltier, das schon seit Jahrtausenden in vielen Kulturen eine besondere Rolle spielt. Was Luthers Reiselöffel, eine oberrheinische Tapisserie und ein westafrikanisches Jagdhorn in der Kunstsammlung mit diesem magischen Wesen zu tun haben, erzählt mein Lieblingsobjekt des Monats.“
Luthers Reiselöffel ist ein ganz besonders Objekt in der Kunstsammlung der Wartburg, gehört er doch zu den persönlichen Gegenständen des großen Reformators. Auch wenn der das kostbare Besteckteil seinem Übersetzerkollegen Caspar Aquila geschenkt hat, hatte es zeitweise den Rang einer „Kontaktreliquie“ inne. Was das mit dem Einhorn zu tun hat? Schaut man in die Laffe, befindet sich dort über der Darstellung des Gekreuzigten ein Stückchen Horn. Natürlich nicht nur ein Stückchen Horn, wie wir uns denken können, sondern angeblich ein Plättchen Einhorn-Horn! Schon in der Antike wurde berichtet, dass es Heilkräfte besaß und Speisen und Getränke entgiftete. Noch bis ins 18. Jahrhundert wurde es deshalb „höher, als Goldes schwer geschätzt“ und zierte Bestecke und Trinkgefäße. In Wahrheit dürfte es sich um Elchklaue handeln, die allerdings dem gleichen Zweck diente.
Das prominenteste Einhorn der Wartburg ist in diesen Tagen eigentlich gar nicht anwesend. Nur beim zweiten Hinsehen bemerkt man nämlich, dass sich an der Stelle der farbenfrohen Tapisserie mit der Darstellung von sechs symbolischen Tieren im Speisesaal des Palas der Wartburg eine Reproduktion in Originalgröße befindet. Von Oktober bis zum Anfang dieses Monats war der oberrheinische, vermutlich um 1440 in Basel geschaffene Teppich in der Ausstellung „Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst“ im Museum Barberini in Potsdam zu sehen. Bald ist der Teppich wieder an seinen angestammten Platz zu bewundern.
Auf dem gewirkten Behang stehen sich sechs Tiere auf einem Rasen mit Bäumen paarweise gegenüber. Im Zentrum der Darstellung befindet sich das Einhorn, dem mit dem Greif ein zweites, ebenfalls phantastisches Tier gegenübersteht. Löwe und Hirsch schließen sich jeweils rechts und links an.
Hinsichtlich der Deutung dieser Darstellung war man sich um die Jahrhundertwende darüber einig, dass „der Löwe das Sinnbild der Stärke, der Hirsch das der Schnelligkeit, Greif und Einhorn Vertreter der Wachsamkeit und Keuschheit“ verkörperten. Doch wie lässt sich nun beispielsweise dieses Einhorn mit einem Schellenband um den Hals deuten, und welche der vielen Eigenschaften und Bedeutungen, die ihm zugeschrieben werden, trifft hier tatsächlich zu? Die geläufigste Interpretation ist wohl tatsächlich die der Reinheit und Keuschheit des Tieres, das nur von einer Jungfrau gefangen werden kann. Jeder von uns hat wohl ein Kunstwerk im Kopf, das eine Jungfrau – oft Maria – zeigt, die ein Einhorn im Schoß hält. Das Einhorn steht hier für Christus. Doch kann das Einhorn ebenso als wildes, kampfbereites und unbesiegbares Tier erscheinen, darüber schrieben schon antike Autoren. Im 15. Jahrhundert – also zeitgleich mit der Entstehung unseres Teppichs – taucht es etwa mit den „wilden Leuten“ in einer realitätsfernen Welt auf, geht mit ihnen auf die Jagd und lässt sich von Wildfrauen zähmen.
Auf unserem Teppich strahlt das Einhorn Kraft aus, ist ziegenbärtig und könnte sein Horn als Waffe nutzen. Das Schellenband mindert allerdings den Eindruck. Es daher könnte für die Beherrschung seiner Unbändigkeit stehen.
Kommen wir zum dritten Kunstwerk: einem sapi-portugisischen Olifanten, der im frühen 16. Jh. im westafrikanischen Sierra Leone für portugiesische Auftraggeber entstanden ist. Auch ohne „Einhorn-Bezug“ ist dieses Jagdhorn bereits eins der exotischsten Objekte der Kunstsammlung der Wartburg. Von einheimischen Bildschnitzern für den Geschmack und die Sehgewohnheiten der europäischen Auftraggeber gestaltet, stellt es mehrere Männer in europäischer Tracht dar, die Jagd auf Tiere wie Vögel, Hasen, und Hirsche machen. Neben den mehr oder weniger exotischen Tieren wie Affen und Elefanten bevölkern auch mythische Wesen das Jagdhorn, so ein Zentaur, eine Harpye und ein Tier mit dem Kopf einer Großkatze, Flügeln und einem langen, gewundenen Schwanz. Kein Wunder, dass auch das Einhorn hier nicht fehlen darf! Es ist sogar gleich zweimal vertreten: einmal einzeln unterhalb der Öffnung des Olifanten, und das zweite Mal ziemlich in der Mitte in einer Jagdszene. Hier ist einer der Jäger ist im Begriff, dem Einhorn seine Lanze in den Hinterlauf zu stechen. Beide Darstellungen lassen das Einhorn nur aufgrund seines namengebenden Horns erkennen – sonst wirken sie mit ihren gedrungenen Körpern und dem angedeuteten Fell eher wie Hunde oder Großkatzen. Vielleicht ließ das Einhorn viel Spielraum für Interpretationen bei den afrikanischen Bildschnitzern, die nicht mit den üblichen Darstellungsformen des Fabeltiers vertraut waren. Gesehen hatten sie wohl auf jeden Fall noch keins.
Anders als wir heute, denn auf der Wartburg ist die erfolgreiche Einhornsuche bei einem Rundgang durch den Palas und bei der Besichtigung des Museums zu den Öffnungszeiten ab sofort garantiert.
Abbildungsunterschriften und -nachweise:
Abb. 1: Luthers Reiselöffel, 1525, Silber, vergoldet, Horn, Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung, Inv.-Nr. KB0039, Wartburg-Stiftung, Fotothek, Rainer Salzmann
Abb. 2: Ausschnitt aus Luthers Reiselöffel Abb. 1, 1525, Silber, vergoldet, Horn, Inv.-Nr. KB0039, Wartburg-Stiftung, Fotothek, Rainer Salzmann
Abb. 3: Tapisserie „Sechs symbolische Tiere“, oberrheinisch (Basel), um 1440, Wolle, gewirkt, Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung, Inv.-Nr. KT0004, aus den Sammlungen des ehemals regierenden Großherzoglichen Hauses Sachsen-Weimar-Eisenach, Wartburg-Stiftung, Fotothek, Rainer Salzmann
Abb. 4: Ausschnitt aus KT0004 (Abb. 3) mit Greif und Einhorn, Wartburg-Stiftung, Fotothek, Rainer Salzmann
Abb. 5: Sapi-portugiesischer Olifant, Sierra Leone, 1. Hälfte 16. Jahrhundert, Elfenbein, geschnitzt, Wartburg-Stiftung, Inv.-Nr. KE0017, aus den Sammlungen des ehemals regierenden Großherzoglichen Hauses Sachsen-Weimar-Eisenach, Wartburg-Stiftung, Fotothek, Rainer Salzmann
Abb. 6: Ausschnitt aus KE0017 (Abb. 5) mit Darstellung eines Einhorns unterhalb der Mündung des Olifanten, Wartburg-Stiftung, Fotothek, Rainer Salzmann
Abb. 7: Ausschnitt aus KE0017 (Abb. 5) mit Darstellung einer Jagdszene mit Einhorn, Wartburg-Stiftung, Fotothek, Rainer Salzmann