Drachen auf der Wartburg

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Abb. 4: Arbeiter auf dem steinernen Drachen am nördlichen Palasgiebel, anonym, 1929, Fotografie
Abb. 4: Arbeiter auf dem steinernen Drachen am nördlichen Palasgiebel, anonym, 1929, Fotografie

Steffen Nolte, Restaurator auf der Wartburg, stellt sein Lieblingsobjekt des Monats Mai 2026 vor: In der neuen Sonderausstellung „Schätze, Schutt, Skurrilitäten. Geschichte von der Baustelle“ werden viele außergewöhnliche Objekte gezeigt, die man sonst nicht in den Ausstellungen der Wartburg finden kann. Nachdem im Februar schon Einhörner im Zentrum standen, geht es in diesem Monat um Drachen als ehemalige mythische „Wartburgbewohner“. Meine Lieblingsobjekte sind die Wasserspeier, Giebelverzierungen und Figuren in Form von Drachen, die früher an verschiedenen Gebäuden angebracht waren.

Galerie

  • Abb. 1: Der erste Burghof der Wartburg mit Wasserspeiern, anonym, 1867 (?), Fotografie
    Abb. 1: Der erste Burghof der Wartburg mit Wasserspeiern, anonym, 1867 (?), Fotografie
  • Abb. 2: Die Wasserspeier im ersten Burghof, Hans Lucas von Cranach, 1913, Autochrom
    Abb. 2: Die Wasserspeier im ersten Burghof, Hans Lucas von Cranach, 1913, Autochrom
  • Abb. 3: Die Wartburg von Nordosten mit Wasserspeiern an Tor- und Ritterhaus, Hans Lucas von Cranach, 1910, Autochrom
    Abb. 3: Die Wartburg von Nordosten mit Wasserspeiern an Tor- und Ritterhaus, Hans Lucas von Cranach, 1910, Autochrom
  • Abb. 4: Arbeiter auf dem steinernen Drachen am nördlichen Palasgiebel, anonym, 1929, Fotografie
    Abb. 4: Arbeiter auf dem steinernen Drachen am nördlichen Palasgiebel, anonym, 1929, Fotografie
  • Abb. 5: Das Gadem von Süden mit Drachenköpfen an den Giebelenden, Hans Lucas von Cranach, 16. Mai 1904, Fotografie
    Abb. 5: Das Gadem von Süden mit Drachenköpfen an den Giebelenden, Hans Lucas von Cranach, 16. Mai 1904, Fotografie
  • Abb. 6: Vom Gadem abgenommene Drachenköpfe, Sigfried Asche, 15. März 1957, Negativfilm
    Abb. 6: Vom Gadem abgenommene Drachenköpfe, Sigfried Asche, 15. März 1957, Negativfilm
  • Abb. 7: Ehemals in der Vorburg angebrachter Wasserspeier in der im Aufbau befindlichen Sonderausstellung
    Abb. 7: Ehemals in der Vorburg angebrachter Wasserspeier in der im Aufbau befindlichen Sonderausstellung
  • Abb. 8: Originaler Drachenkopf vom Giebel des Gadems in der in Aufbau befindlichen Sonderausstellung
    Abb. 8: Originaler Drachenkopf vom Giebel des Gadems in der in Aufbau befindlichen Sonderausstellung
  • Abb. 9: Drachenkopf vom Gadem und Wasserspeier aus Bischofroda in der in Aufbau befindlichen Sonderausstellung
    Abb. 9: Drachenkopf vom Gadem und Wasserspeier aus Bischofroda in der in Aufbau befindlichen Sonderausstellung

Als Restaurator auf der Wartburg gehört die Vorbereitung von Kunstwerken für Ausstellungen auch zu meinen Aufgaben. Für die aktuelle Sonderausstellung konnte ich Objekte bearbeiten, die lange Zeit unbeachtet geblieben sind, weil sie gar nicht als „Schätze“ bewertet wurden. Doch können sie alle ihre ganz eigene Geschichte von der Baustelle Wartburg erzählen.

Fotografien aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert zeigen beispielsweise, dass an mehreren Gebäuden der Burg damals Wasserspeier angebracht waren, die als Drachen auf die Bewohner und Gäste der Burg herabgeschaut haben. Schon seit den 1850er Jahren zierten zwei die Vorburg (Abb. 1, 2). Im Jahr 1901 kamen vier weitere hinzu. Zwei von ihnen haben an Tor- und Ritterhaus ins Land geschaut (Abb. 3). Die zwei anderen befanden sich an der Dirnitz in der Mitte des Burggeländes. Diese vier Wasserspeier hat das großherzogliche Hofmarschallamt 1901 in Bischofroda, ungefähr zehn Kilometer von Eisenach entfernt, angekauft. Dort haben sie das 1752 vollendete Schloss geschmückt, das als Haupthaus eines ehemaligen Kammergutes gedient hat. Unmittelbar nach der Auflösung des Guts und noch bevor ein neuer Besitzer das Schloss übernahm, gingen die vier Wasserspeier für 60 Mark in den Besitz der Wartburg über.

Gute 50 Jahre später waren die Tage der Wasser speienden Drachen auf der Wartburg allerdings gezählt. 1952 hat nämlich eine groß angelegte Umbau- und Restaurierungsphase begonnen, in der viele Teile der Burg gesichert und instandgesetzt worden sind, man aber auf die Gestaltung und Kunst besonders des 19. Jahrhundert nicht sehr gut zu sprechen war. Dem damaligen Direktor der Wartburg-Stiftung ging es darum, die vermeintlich authentische – am besten mittelalterliche – Wartburg erlebbar zu machen. Rigoros wurden deshalb die als verfälschend und romantisierend angesehenen Ausstattungsstücke des 19. Jahrhunderts entfernt. Deshalb durften auch die drachenförmigen Wasserspeier nicht bleiben. Sie wurden in ein Depot gebracht und lagerten dort viele Jahrzehnte weitgehend unbeachtet.

Ein ähnliches Schicksal ereilte auch den steinernen Drachen (Abb. 4), der seit 1853 den nördlichen Giebel des Palas geschmückt hatte und genau 100 Jahre nach seiner Anbringung entfernt wurde. Von ihm fehlt heute allerdings jede Spur.

Bei der Umgestaltung des Gadems sind in den 1950er Jahren auch die reich beschnitzten Schwebegiebel an der Nord- und Südseite abgebaut worden, die an den Sparrenenden mit je zwei Drachenköpfen verziert waren (Abb. 5). Ein Foto aus dieser Zeit zeigt, wie zwei von den Drachenköpfen achtlos vor dem Gadem abgelegt worden sind (Abb. 6). Auch sie wurden im Depot eingelagert, und mit der Zeit ist sogar ihre Herkunft in Vergessenheit geraten. Erst in Vorbereitung dieser Sonderausstellung wurde sie erkannt. Zwei der ehemals vier Drachenköpfe und zwei Wasserspeier gehören zu den Schätzen und Skurrilitäten, die nun ihren Weg aus dem Depot zurück ins Licht der Öffentlichkeit finden (Abb. 7-9).

Momentan laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren, damit diese und viele weitere Ausstellungsstücke und ihre Geschichten ab dem 9. Mai in der Sonderausstellung „Schätze, Schutt, Skurrilitäten. Geschichte von der Baustelle“ zu den Öffnungszeiten auf der Wartburg zu bestaunen sind.

Abbildungsunterschriften und -nachweise:

Abb. 1: Der erste Burghof der Wartburg mit Wasserspeiern, anonym, 1867 (?), Fotografie, Wartburg-Stiftung, Fotothek, Inv.-Nr. Map_03_F00008

Abb. 2: Die Wasserspeier im ersten Burghof, Hans Lucas von Cranach, 1913, Autochrom, Wartburg-Stiftung, Fotothek, Inv.-Nr. PI_03_0013_C

Abb. 3: Die Wartburg von Nordosten mit Wasserspeiern an Tor- und Ritterhaus, Hans Lucas von Cranach, 1910, Autochrom, Wartburg-Stiftung, Fotothek, Inv.-Nr. PI_03_0148_C

Abb. 4: Arbeiter auf dem steinernen Drachen am nördlichen Palasgiebel, anonym, 1929, Fotografie, Wartburg-Stiftung, Fotothek, Inv.-Nr. Abz_02_X_03

Abb. 5: Das Gadem von Süden mit Drachenköpfen an den Giebelenden, Hans Lucas von Cranach, 16. Mai 1904, Fotografie, Wartburg-Stiftung, Fotothek, Inv.-Nr. Alb_01_23_46.1

Abb. 6: Vom Gadem abgenommene Drachenköpfe, Sigfried Asche, 15. März 1957, Negativfilm, Wartburg-Stiftung, Fotothek, Inv.-Nr. PI_05_0036-57_A

Abb. 7: Ehemals in der Vorburg angebrachter Wasserspeier in der im Aufbau befindlichen Sonderausstellung, Wartburg-Stiftung, Rainer Salzmann

Abb. 8: Originaler Drachenkopf vom Giebel des Gadems in der in Aufbau befindlichen Sonderausstellung, Wartburg-Stiftung, Rainer Salzmann

Abb. 9: Drachenkopf vom Gadem und Wasserspeier aus Bischofroda in der in Aufbau befindlichen Sonderausstellung, Wartburg-Stiftung, Rainer Salzmann

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