Die Zugbrücke der Wartburg
Dominique Schmidt , Mitarbeiterin im Wachschutz und im Museumsshop der Wartburg, stellt ihr Lieblingsobjekt des Monats Oktober 2025 vor: „Direkt vor meinem Arbeitsplatz in der Wachstube im Torhaus liegt die Zugbrücke (Abb. 1), über die fast alle Gäste wie auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Wartburg die Burg betreten. Ich frage mich manchmal, wie viele Menschen und Tiere im Laufe der Jahrhunderte schon über die Zugbrücke gelaufen sein mögen und ob es wirklich einmal nötig war, sie zur Verteidigung der Burg hochzuziehen."
Wann die Zugbrücke gebaut wurde, lässt sich nicht genau ermitteln. Es kann aber als gesichert gelten, dass sie nicht von Anfang an Teil der Burganlage war, sondern erst später über einem künstlich angelegten Halsgraben errichtet wurde. Einiges spricht dafür, dass sie im 14. Jahrhundert gebaut wurde – vielleicht sogar zu einem historisch überlieferten Ereignis. Die Wartburg wurde nämlich in den Jahren 1306 bis 1308 – letztlich erfolglos – von königlichen und Eisenacher Truppen sowie Vertretern eines thüringischen Städtebundes belagert. Schon möglich, dass die wettinischen Verteidiger den einzigen Zugang zur Burg zu diesem Anlass mit einer modernen „Wippbrückenkonstruktion“ ausstatten ließen.
Die erste schriftliche Erwähnung als „Brücke vor der Burg“ ist für das Jahr 1454 überliefert. Die Bauakten des 16. Jahrhunderts verraten uns, dass die Brücke alle paar Jahre grundsätzlich ausgebessert werden musste. Das war wohl nicht nur der starken Beanspruchung, sondern auch ihrer komplizierten Konstruktion geschuldet.
Am Ende des 18. Jahrhundert führten die ständig notwendigen Erhaltungs- und Reparaturmaßnahmen an der Zugbrücke bei stets klammen Kassen schließlich dazu, dass sie durch eine steinerne Brücke ersetzt wurde, die auch auf alten Abbildungen zu erkennen ist (Abb. 2).
Im Zuge der Erneuerung der Wartburg unter Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach, die auf eine Wiederherstellung des mittelalterlichen Burgcharakters abzielte, sollte schließlich wieder eine funktionsfähige Zugbrücke das Gesicht der Burg prägen. 1863 wurde sie im Zusammenhang mit der statischen Sicherung des Torhauses angebracht und mit den heute noch vorhandenen gusseisernen Winden ausgestattet (Abb. 3).
Der damalige Burgkommandant Bernhard von Arnswald stellte die Funktionstüchtigkeit der gerade erneuerten Zugbrücke beim Besuch der allgemeinen deutschen Kunstgenossenschaft eindrucksvoll unter Beweis. Die Künstlervereinigung, die im August 1863 in Weimar tagte und zum Abschluss eine Fahrt auf die Wartburg unternahm (Objekt des Monats Juni 2025), fand bei ihrer Ankunft eine hochgezogene Brücke vor. Über die Anekdote sind wir durch einen zeitgenössischen Zeitungsartikel informiert: „Ehe wir die Burg betreten, gilt es, in mittelalterlicher Weise Einlaß zu begehren. Ein ‚Wer da?‘ ertönt vom Commandanen […]. Und auf die Antwort „die deutsche Kunstgenossenschaft!“ und den Gegenruf ‚Thore offen!‘ rasselt die alte Zugbrücke nieder, über welche schon manch‘ würdige Gestalt geschritten, und jubelnd zieht die Schaar der Künstler ein in die alten Hallen“. Dass die so in Szene gesetzte Zugbrücke allerdings erst im gleichen Jahr errichtet worden ist und daher noch gar nicht allzu viele „würdige Gestalten“ über die Brücke gelaufen sein können, werden wohl die wenigsten Teilnehmenden vermutet haben. Eine Stereofotografie, die 1863/64 aufgenommen wurde, ist die älteste bekannte Fotografie der „neuen“ Zugbrücke (Abb. 4).
Gut einhundert Jahre später bereitete die Brücke wieder erhebliche Probleme und musste bis 1964 umfassend repariert werden. Die vorher bewegliche Zugbrücke wurde nun durch eine statische Brücke ersetzt (Abb. 6).
Im Zuge der umfassenden Sanierung der Bauten der Vorburg im Vorfeld des Reformationsjubiläums 2017 musste die stark beanspruchte Brücke 2013 schließlich erneuert werden. Das bot die einmalige Chance, der Burg wieder eine funktionsfähige und bewegliche Zugbrücke zu geben. Nachdem zunächst eine Behelfsbrücke den Zugang in die Burg ermöglicht hat (Abb. 7), wurde das neue Bauwerk nach historischen Vorbildern errichtet. Das Gesamtgewicht beträgt stattliche 4,1 Tonnen – mehr als die Hälfte davon machen allein die eisernen Gegengewichte aus. Die Zugbrücke lässt sich nun wieder mit purer Muskelkraft hochziehen (Abb. 8), was einmal im Jahr im Rahmen von Wartungsarbeiten passiert. Zu besonderen Anlässen können auch die Besucherinnen und Besucher erleben, wie sich die Brücke langsam erhebt und wie es sich anfühlt, vor verschlossenen Burgtoren zu stehen (Abb. 9).
Die Zugbrücke der Wartburg ist von außen jederzeit zu besichtigen, von innen zu den Öffnungszeiten des Außenbereichs.
Abbildungsunterschriften und -nachweise:
Abb. 1: Torhaus und Zugbrücke der Wartburg von Osten, Fotografie, Wartburg-Stiftung, Fotothek
Abb. 2: Die Wartburg von Norden, anonym, 1851, Aquarell, Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung, Inv.-Nr. G0286
Abb. 3: Die historische Winde für die Zugbrücke in der ersten Torhalle der Wartburg, 1. H. 20. Jh., Glasnegativ, Wartburg-Stiftung, Fotothek, Inv.-Nr. PI_01_1809_C
Abb. 4: Blick von der Schanze auf das Torhaus und die Zugbrücke der Wartburg, Adolphe (Samuel) Braun, 1863/1864, Stereoskopie (Ausschnitt), Wartburg-Stiftung, Fotothek, Inv.-Nr. St_020
Abb. 5: Der Burgvogt Richard Barthel als Wachposten im historischen Kostüm auf der Zugbrücke der Wartburg, Hans Lucas von Cranach, 1907, Glasnegativ, Wartburg-Stiftung, Fotothek, Inv.-Nr. PI_02_0086_C
Abb. 6: Bauarbeiten und Umbau der Zugbrücke zu einer statischen Brücke, Fotoabzug, 1964, Wartburg-Stiftung, Fotothek
Abb. 7: Installation einer Behelfsbrücke vor der Erneuerung zu einer beweglichen Zugbrücke, Fotografie, 2013, Wartburg-Stiftung, Fotothek
Abb. 8: Erster „Funktionstest“ der neuen, beweglichen Zugbrücke der Wartburg, Fotografie, 2013, Wartburg-Stiftung, Fotothek
Abb. 9: Die Wartburg von Norden mit geschlossener Zugbrücke, Fotografie, Wartburg-Stiftung, Fotothek