Die Wasserleitung der Wartburg – Zwischen Mittelalter und Industrialisierung

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Abb. 1: Blick in den ersten Burghof der Wartburg mit dem „Drachenbrunnen“, Fotografie
Abb. 1: Blick in den ersten Burghof der Wartburg mit dem „Drachenbrunnen“, Fotografie

Jan Engelhardt, Mitarbeiter im Bereich Öffentlichkeitsarbeit, stellt sein Lieblingsobjekt des Monats August 2026 vor: „Schon lange bevor ich begonnen habe, auf der Wartburg zu arbeiten, bin ich als Besucher auf den „Drachenbrunnen“ im ersten Burghof gestoßen und habe meine Flasche für den Abstieg dort mit Trinkwasser aus der Wasserleitung der Wartburg gefüllt (Abb. 1). Erst viel später habe ich erfahren, dass diese Art der Trinkwasserversorgung gar nicht dem Mittelalter entstammt, sondern von der Ingenieurskunst des 19. Jahrhunderts zeugt.“

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  • Abb. 1: Blick in den ersten Burghof der Wartburg mit dem „Drachenbrunnen“, Fotografie
    Abb. 1: Blick in den ersten Burghof der Wartburg mit dem „Drachenbrunnen“, Fotografie
  • Abb. 2 Die Eselei. Startpunkt des Erlebnis- und Wissenpfads unterhalb der Wartburg, Fotografie
    Abb. 2 Die Eselei. Startpunkt des Erlebnis- und Wissenpfads unterhalb der Wartburg, Fotografie
  • Abb. 3: Blick vom Schlafzimmer des Großherzogs in der Neuen Kemenate der Wartburg ins Bad, anonym, September 1952, Fotografie
    Abb. 3: Blick vom Schlafzimmer des Großherzogs in der Neuen Kemenate der Wartburg ins Bad, anonym, September 1952, Fotografie
  • Abb. 4: Übersichtskarte zum Verlauf der Wartburg-Wasserleitung, Ludwig Mannes, Weimar, 31. Oktober 1901, Druck, Federzeichnung
    Abb. 4: Übersichtskarte zum Verlauf der Wartburg-Wasserleitung, Ludwig Mannes, Weimar, 31. Oktober 1901, Druck, Federzeichnung
  • Abb. 5: Eingang zum Hochbehälter der Wasserleitung unweit des Rennsteigs, errichtet 1900
    Abb. 5: Eingang zum Hochbehälter der Wasserleitung unweit des Rennsteigs, errichtet 1900
  • Abb. 6: Schnitt durch den Bergfried Angabe des Wasserbehälters im obersten Geschoss, Planzeichnung des Freien Instituts für Bauforschung, 2008
    Abb. 6: Schnitt durch den Bergfried Angabe des Wasserbehälters im obersten Geschoss, Planzeichnung des Freien Instituts für Bauforschung, 2008
  • Abb. 7: Blick in den Bereich zur Wasserleitung der Wartburg in der Sonderausstellung „Schätze, Schutt. Skurrilitäten“, Fotografie
    Abb. 7: Blick in den Bereich zur Wasserleitung der Wartburg in der Sonderausstellung „Schätze, Schutt. Skurrilitäten“, Fotografie

Die Wartburg ist als Höhenburg nicht nur außerordentlich hoch gelegen, sondern auch auf massivem Felsen gebaut. So verwundert es nicht, dass sich die Frage der Wasserversorgung bereits im Hochmittelalter stellte. Die Burg verfügte von Anfang an über eine Zisterne, in der das auf dem Burggelände niedergehende Regenwasser gesammelt und durch aufgeschütteten Kies gefiltert wurde. Das wie aus einem Brunnen nach oben beförderte Wasser war als Brauchwasser ebenso nützlich und wie nötig. Frisches Wasser – also Trinkwasser – musste per Lastesel den Berg hinauf transportiert werden, eine Praxis, der heute noch in Form des Eselspfades Rechnung getragen wird. (Abb. 2)

Mit den Neubauten und Renovierungen des 19. Jahrhunderts wurde die Frage nach einer zeitgemäßeren Lösung für die Wasserversorgung immer drängender. Die stetig steigende Zahl an Gästen, die nicht nur die Burganlage besichtigen, sondern auch ihren Durst im Gasthof der Wartburg stillen wollte, trieb den Wasserbedarf immer weiter in die Höhe. Und die Pläne Hugo von Ritgens für das Ritterbad am Palas setzten ebenfalls große Mengen an Wasser voraus.

1875 begann Großherzog Carl Alexander das Projekt einer Wasserleitung ernsthaft anzugehen. Gegen den Plan der Aufstellung einer Dampfmaschine, mittels derer Wasser aus den Hainteichen auf die Burg gepumpt werden sollte, setzte sich schließlich ein Entwurf durch, den der Direktor des örtlichen Wasserwerkes Friedrich Ziegler vorgelegt hatte: ein Leitungssystem aus dem Thüringer Wald, das Wasser komplett ohne Pumpen über 13 Kilometer zur Wartburg transportierte. Die höher als die Burg gelegenen „Alten Quellen“ am Tannenweg, südlich von Ruhla, lieferten das nötige Gefälle für diese Transportmöglichkeit. Ebenfalls über ein Gefälle erfolgte die Verteilung des Wassers innerhalb der Burg. In einem großen Behälter im obersten Geschoss des Bergfrieds wird es bis heute gespeichert. Eine Bibliothek, die dieser Raum bis dahin beherbergte, musste weichen.

Am 8. Dezember 1886 schrieb Burgkommandant Hermann von Arnswald: „Am Abend 8 Uhr brachte mir Bauführer Rothe die erste Flasche Wasser aus dem Reservoir; aber mit der Bemerkung, dass noch eine Stockung vorliege.“ Die Wasserleitung funktionierte, doch die genannte Stockung sollte nicht die letzte Schwierigkeit sein. Immer wieder hatte das Meisterwerk der Ingenieurskunst mit „Kinderkrankheiten“ zu kämpfen, seien es verstopfte Rohre durch Eisenoxid- und Schlammablagerungen oder eingefrorene Leitungen. Letztere versuchte man zwischenzeitlich mit Petroleumlampen aufzutauen, eine gefährliche Praxis, die erst nach einer Explosion wieder eingestellt wurde. Auch ein eigens angestellter Rohrmeister konnte den Durchlauf nur bedingt unterbrechungsfrei halten.

Dessen ungeachtet war der Burgherr Carl Alexander begeistert von seinen modernen Sanitäreinrichtungen. An seinen Architekten Hugo von Ritgen schrieb 1887: „Gelungen, sehr gelungen ist das Wasserwerk auf der Wartburg. Gottlob, das Wasser ist vortrefflich, so kühl als verließe es im Augenblick sein Urgebirg und es rauscht überall in ausreichender Menge sobald man einen der zahlreichen Hähne dreht. Sehr angenehm sind die Wasserabtritte. Durch dieses Alles ist die Annehmlichkeit der Wohnung um ein bedeutendes erhöht.“ (Abb. 3)

Am 29. Mai 1900 wurde schließlich ein kompletter Neubau der Rohrleitungen und die Erschließung weiterer Quellgebiete genehmigt (Abb. 4, 5). Nachdem 1906 noch ein weiteres Quellgebiet hinzugekommen war, erstreckte sich das Leitungssystem auf mehr als 26 Kilometern Länge. Das Wasser wurde von vier Entnahmestellen mit mindestens 14 Einzelquellen auf die Wartburg transportiert.

Seit mehreren Jahrzehnten in vielen Bauabschnitten aufwändig saniert, versorgt die historische Wasserleitung bis heute die Burg und andere Abnehmer. Sämtliches Wasser aus den Hähnen der Wartburg und natürlich dem Burgbrunnen kommt aus dem großen Tank hoch oben im Bergfried, der durch die Quellen gespeist wird (Abb. 6).

Die Wasserleitung der Wartburg ist für mich etwas Einzigartiges. In ihrer Zeit ein Symbol der Moderne, ist sie heute selbst ein historisches Denkmal, das sich in das Gesamtensemble der lebendigen Geschichte der Wartburg einfügt. Gerade aus der Baugeschichte der Burg, die wir in diesem und dem kommenden Jahr besonders feiern, ist sie nicht wegzudenken. Noch mehr über die Wasserleitung gibt es in unserer Sonderausstellung „Schätze, Schutt. Skurrilitäten. Geschichten von der Baustelle“ zu lernen. Als besonderes Highlight können große und kleine Besucher dort selbst zum Ingenieur werden, indem sie zusammen mit Wartburgmaus Alba zur Rohrzange greifen und die Wartburg im Videospiel mit Wasser versorgen (Abb. 7).

Die Sonderausstellung ist zu den Öffnungszeiten des Museums zu besichtigen.

Abbildungsunterschriften und -nachweise:

Abb. 1: Blick in den ersten Burghof der Wartburg mit dem „Drachenbrunnen“, Fotografie, Wartburg-Stiftung, Fotothek, Foto: Rainer Salzmann

Abb. 2: Die Eselei. Startpunkt des Erlebnis- und Wissenpfads unterhalb der Wartburg, Fotografie, Wartburg-Stiftung, Fotothek, Foto: Rainer Salzmann

Abb. 3: Blick vom Schlafzimmer des Großherzogs in der Neuen Kemenate der Wartburg ins Bad, anonym, September 1952, Fotografie, Wartburg-Stiftung, Fotothek, Inv.-Nr. Abz_02_0022-52_A

Abb. 4: Übersichtskarte zum Verlauf der Wartburg-Wasserleitung, Ludwig Mannes, Weimar, 31. Oktober 1901, Druck, Federzeichnung, Wartburg-Stiftung, Archiv, Inv.-Nr. PZ0671

Abb. 5: Eingang zum Hochbehälter der Wasserleitung unweit des Rennsteigs, errichtet 1900

Abb. 6: Schnitt durch den Bergfried Angabe des Wasserbehälters im obersten Geschoss, Planzeichnung des Freien Instituts für Bauforschung, 2008, Wartburg-Stiftung

Abb. 7: Blick in den Bereich zur Wasserleitung der Wartburg in der Sonderausstellung „Schätze, Schutt. Skurrilitäten“, Fotografie, Wartburg-Stiftung, Fotothek, Foto: Rainer Salzmann

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