Der Lutherzyklus der Weimarer Malerschule – Teil II
Kerstin Böttger, Mitarbeiterin im Bereich Öffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungen, stellt ihr Lieblingsobjekt des Monats April 2026 vor: „Die achtzehn Lutherbilder von Künstlern der Weimarer Malerschule sind ein eindrucksvolles Zeugnis für die Auseinandersetzung mit dem Leben und Wirken Martin Luthers. Die wichtigsten Stationen lassen sich mit ihnen anschaulich nacherzählen und die ausdrucksstarken Gemälde haben schon so manchen Gast in Staunen versetzt.“
Zwischen 1872 und 1882 entstand der achtzehnteilige Zyklus mit Werken zu Martin Luthers Leben, gemalt von vier Historienmalern der Großherzoglich-Sächsischen Kunstschule in Weimar. Beauftragt von Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach, sollten die Gemälde das Denkmal der Reformation in der Vogtei der just erneuerten Wartburg schmücken.
Den ersten Teil der Bilderbiografie (Objekt des Monats August 2025) bildeten die Werke von Ferdinand Pauwels, die Luthers Ausbildung und Klosterzeit bis zum Thesenanschlag als dem wohl legendärsten Ereignis der Reformationsgeschichte abbilden. Erstrecken sich diese somit über die fast 34 ersten Lebensjahre des Reformators, illustrieren die sechs Gemälde dieses zweiten Teiles den sehr kurzen Zeitraum von gerade einmal viereinhalb Jahren nach dem Thesenanschlag. Begründet liegt dies in der Bedeutsamkeit der Ereignisse rund um die nun „losgetretene“ Reformation. Der entschlossene Luther wird in Szene gesetzt beim Verhör vor Cajetan, beim Verbrennen der Bannandrohungsbulle, vor dem Reichstag in Worms, bei seiner Ankunft auf der Wartburg, während der Übersetzung des Neuen Testamentes und schließlich während seiner Rückreise bei einer Rast im Gasthaus zum Bären in Jena.
Während Paul Thumann mit fünf Gemälden den Hauptanteil an diesem zweiten Teil hat, entstammt die Darstellung Luthers vor Cajetan noch dem Pinsel Ferdinand Pauwels‘ (Abb. 1). Ein Jahr nach dem legendären Thesenanschlag im Oktober 1517 hatte sich Luther vor dem päpstlichen Legaten und Kardinal zu verantworten. Drei Tage dauerte das Verhör, das, wie man den Mienen des versteinerten Cajetan und des zornigen, bewegten Augustinermönches Luther entnehmen kann, nicht zu einem versöhnlichen Ende führte. Der sitzende Schreiber hielt alles Gesagte fest, der Ketzer-Prozess gegen Luther sollte weitergehen.
Der Bruch mit Rom wird im folgenden Gemälde mehr als deutlich: Nachdem seine Schriften selbst mehrfach Opfer der Flammen geworden waren, warf Luther am 10. Dezember 1520 die päpstliche Bannandrohungsbulle öffentlichkeitswirksam ins Feuer (Abb. 2). Die Szene spielt vor dem Wittenberger Elstertor, zahlreiche Menschen wohnen dem symbolträchtigen Geschehen bei. Gestik und Mimik zeigen die rigorose Entschlossenheit Luthers.
Ebenso überzeugend und willensstark, aber nun mit ausgebreiteten Armen, zur Diskussion einladend, präsentiert Thumann den Augustinermönch Luther vor dem Reichstag in Worms (Abb. 3). Unverkennbar steht er, wie in allen Werken Pauwels und Thumanns, im Zentrum des Geschehens. Nach dem Kirchenbann sollte der Beschuldigte nun auch vor Kaiser, Kurfürsten und Reich Rede und Antwort stehen und seine Schriften widerrufen. Dies verweigerte er jedoch am 18. April 1521 mit Verweis auf sein Gewissen und reiste enttäuscht wieder ab. Zum erhofften offenen Meinungsaustausch über seine Thesen war es nicht gekommen.
Während der Kaiser in Worms die Reichsacht gegen ihn vorbereitete, wurde Luther auf dem Rückweg nach Wittenberg in der Nacht des 4. Mai 1521 zum Schein überfallen und auf die Wartburg gebracht. Begleitet von Amtmann Hans von Berlepsch kam der im Gemälde sehr ruhig und gefasst wirkende Geächtete auf der Wartburg an und erklomm im hellen Fackellicht die Treppenstufen zur Vogtei, wie sie sich 1872 zur Entstehung des Werkes noch darboten (Abb. 4). Getarnt als niederer Adeliger sollte er die folgenden zehn Monate in Abgeschiedenheit hier verbringen, fern jeder öffentlichen Bühne, in Ruhe, meist allein mit Gott und sich selbst. Nach einer quälenden Etappe der Einsamkeit mit körperlichen und geistigen Beschwerden setzte nach einigen Wochen Luthers äußerst produktive Schaffenskraft wieder ein. Im Dezember 1521 begann er schließlich sein großes Werk: In nur elf Wochen übersetzte er das Neue Testament aus dem griechischen Urtext ins Deutsche. Thumann hat den emsigen, konzentrierten Übersetzer mit vollem Haar in seinem Gemälde in der authentischen Lutherstube des 19. Jahrhunderts platziert und Details wie Tisch, Kachelofen und Walwirbel integriert, die man auch heute noch im Raum entdecken kann (Abb. 5).
Wiederum äußerlich gewandelt mit Bart, roter Kappe, Schwert und Buch sitzt Luther schließlich im letzten Gemälde dieses zweiten Teiles am Tisch im Jenaer Gasthaus zum Bären (Abb. 6). Anfang März 1522 verließ er die Wartburg, um nach Wittenberg zurückzukehren und sich in die Geschicke der Reformation einzumischen. Bei der Rast im Gasthaus traf er auf zwei Schweizer Studenten, die nach Wittenberg zogen, um bei dem berühmten Doktor Luther zu studieren, die ihn in seinem Inkognito allerdings nicht erkannten. Die von einem der Studenten überlieferte Episode mag weniger bedeutsam erscheinen als die ersten fünf behandelten Sujets, doch sie erfreute sich im 19. Jahrhundert einiger Beliebtheit, auch weil der eigentlich gebannte und höchst gefährdete Luther hier ganz volkstümlich erschien und sich gelassen und freundlich auf ein Gespräch einließ.
Diese „profane“ Begebenheit im Gasthaus zum Bären beschließt den zweiten Teil des Gemäldezyklus. War dieser in der Vergangenheit überwiegend im mittleren der drei Reformationszimmer zu bewundern, können vier dieser Werke – Luther vor Cajetan, beim Verbrennen der Bannandrohungsbulle, vor dem Reichstag in Worms und Luthers Ankunft auf der Wartburg – heute in der Schaubibliothek betrachtet werden, dem Nachfolger des ehemaligen südlichen Reformationszimmers, gleich hinter der Lutherstube (Abb. 7, 8, 9).
Schauen Sie während der Öffnungszeiten doch mal vorbei.
Abbildungsunterschriften und -nachweise:
Abb. 1: Luther vor Cajetan, Ferdinand Pauwels, 1872, Öl auf Leinwand, Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung, Inv.-Nr. M0112
Abb. 2: Luther verbrennt die Bannandrohungsbulle, Paul Thumann, 1872, Öl auf Leinwand, Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung, Inv.-Nr. M0156
Abb. 3: Luther auf dem Reichstag in Worms, Paul Thumann, 1872, Öl auf Leinwand, Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung, Inv.-Nr. M0149
Abb. 4: Luthers Ankunft auf der Wartburg, Paul Thumann, 1873, Öl auf Leinwand, Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung, Inv.-Nr. M0078
Abb. 5: Luther übersetzt die Bibel, Paul Thumann, 1872, Öl auf Leinwand, Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung, Inv.-Nr. M0120
Abb. 6: Luther mit Studenten im Gasthaus Zum Bären in Jena, Paul Thumann, 1873, Öl auf Leinwand, Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung, Inv.-Nr. M0079
Abb. 7: Nordwand des mittleren Reformationszimmers, Ruprecht, 1936, Fotografie, Wartburg-Stiftung, Fotothek, Inv.-Nr. Abz_02_0159
Abb. 8: Südwand des mittleren Reformationszimmers, anonym, 1936, Fotografie, Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung, Inv.-Nr. PI_01_0792_C
Abb. 9: Blick in die Schaubibliothek der Wartburg, Rainer Salzmann, 2025, Fotografie, Wartburg-Stiftung, Fotothek