Das Stammbuch des Wartburgfestes von 1817

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Abb. 1: Stammbuch aller Burschen, die auf der Wartburg bei Eisenach die Kirchenverbesserung durch Luther und die Leipziger Schlacht am 18ten Siegesmonds gefeiert haben, 18. Oktober 1817–April 1821, Handschrift, Titelblatt
Abb. 1: Stammbuch aller Burschen, die auf der Wartburg bei Eisenach die Kirchenverbesserung durch Luther und die Leipziger Schlacht am 18ten Siegesmonds gefeiert haben, 18. Oktober 1817–April 1821, Handschrift, Titelblatt

Dorothee Menke, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Wartburg-Stiftung, stellt ihr Lieblingsobjekt des Monats Oktober 2026 vor: „Mein Lieblingsobjekt des Monats Oktober 2026 könnte man auf den ersten Blick für ein Buch wie viele andere im Archiv der Wartburg-Stiftung halten. Doch dieses Stammbuch, also ein Gästebuch, ist ein Zeitzeugnis von ungeheurem ideellen Wert, das viel über ein Ereignis der deutschen Geschichte verrät, das den Weg zu unserer heutigen demokratischen Gesellschaft bereitet hat: das Wartburg-Fest von 1817. In dem Buch haben sich Teilnehmer des Festes und spätere studentische Besucher auf der Wartburg mit eigenhändigen Einträgen verewigt und uns damit ein Objekt hinterlassen, das Geschichte zum Greifen nah erscheinen lässt.“

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  • Abb. 1: Stammbuch aller Burschen, die auf der Wartburg bei Eisenach die Kirchenverbesserung durch Luther und die Leipziger Schlacht am 18ten Siegesmonds gefeiert haben, 18. Oktober 1817–April 1821, Handschrift, Titelblatt
    Abb. 1: Stammbuch aller Burschen, die auf der Wartburg bei Eisenach die Kirchenverbesserung durch Luther und die Leipziger Schlacht am 18ten Siegesmonds gefeiert haben, 18. Oktober 1817–April 1821, Handschrift, Titelblatt
  • Abb. 2: Zug der Burschen auf die Wartburg, Johann Heinrich Hose, nach 1817, Stahlstich
    Abb. 2: Zug der Burschen auf die Wartburg, Johann Heinrich Hose, nach 1817, Stahlstich
  • Abb. 3: Die Bücherverbrennung beim Wartburgfest 1817, Wenzel Pobuda, Mitte 19. Jahrhundert, Stahlstich
    Abb. 3: Die Bücherverbrennung beim Wartburgfest 1817, Wenzel Pobuda, Mitte 19. Jahrhundert, Stahlstich
  • Abb. 4: Blick in das Stammbuch mit den aufgeschlagenen Seiten 8 und 9
    Abb. 4: Blick in das Stammbuch mit den aufgeschlagenen Seiten 8 und 9
  • Abb. 5: Seite 11 mit Eintragungen Heinrich Hermann Riemanns (dritter von unten) und Hans Ferdinand Maßmanns (zweiter von unten)
    Abb. 5: Seite 11 mit Eintragungen Heinrich Hermann Riemanns (dritter von unten) und Hans Ferdinand Maßmanns (zweiter von unten)
  • Abb. 6: Das Lied "Wir hatten gebauet ein stattliches Haus" von August Daniel von Binzer auf dem Vorsatzblatt
    Abb. 6: Das Lied "Wir hatten gebauet ein stattliches Haus" von August Daniel von Binzer auf dem Vorsatzblatt

Seit 1803 wurden auf der Wartburg Gästebücher ausgelegt, in denen sich die Besucher aller Herren Länder eintragen konnten. In diesem ganz besonderen Exemplar mit dem Titel Stammbuch aller Burschen, die auf der Wartburg bei Eisenach die Kirchenverbesserung durch Luther und die Leipziger Schlacht am 18ten Siegesmonds gefeiert haben finden sich zahlreiche namentliche Eintragungen von Studenten, die zwischen 1817 und 1821 die Wartburg besuchten, darunter auch die Einträge von Teilnehmern des Wartburgfestes am 18. Oktober 1817 (Abb. 1).

Die 1815 gegründete Jenaer Urburschenschaft hatte die Studenten der deutschen Hochschulen auf die Wartburg eingeladen, um hier das 300. Reformationsjubiläum und den vierten Jahrestag der siegreichen Völkerschlacht bei Leipzig zu feiern. Bei einer bloßen Erinnerungsfeier solle es jedoch nicht bleiben, denn die Reden der Studenten und eines Professors hatten revolutionären Charakter: In einer Zeit der fürstlich-monarchischen Kleinstaaten forderten sie die Einheit Deutschlands, die Einführung von Verfassungen und garantierte Grundrechte für die Bürger. Das Fest wurde auf der Wartburg (Abb. 2) und in Eisenach mit politischen Reden, Gesang, Gottesdienst und Turnübungen auf dem Marktplatz begangen. Eine abendliche Bücherverbrennung auf dem Wartenberg (Abb. 3), die zwar nur von einer Minderheit initiiert wurde, gipfelte in deutschtümelnden und antijüdischen Parolen. Sie ließ das Wartburgfest als ambivalentes Ereignis in die deutsche Demokratiegeschichte eingehen.

Unter den 500 Teilnehmern waren etwa 400 Studenten, die von 16 deutschen Hochschulen – darunter Jena, Göttingen, Gießen, Berlin und Kiel – auf die Wartburg kamen. Als das Stammbuch aller Burschen für die Eintragungen am Folgetag des großen Festes ausgelegt wurde, waren viele schon abgereist oder vergaßen sich einzutragen, wie ein Kommentar auf der ersten Seite verrät. Doch verewigten sich immerhin noch 250 Studenten (Abb. 4). Die Teilnehmer schrieben sich jeweils mit Namen, Studienrichtung und Universität ein, bisweilen ergänzten sie Kommentare oder Sprüche.

Unter den Einträgen finden sich beispielsweise die von Heinrich Herrmann Riemann aus Jena und Hans Ferdinand Maßmann aus Berlin. Riemann war ein mit dem Eisernen Kreuz geehrter Veteran der Befreiungskriege; er hatte am Vortag die Eröffnungsrede im Festsaal gehalten und die „freien Brüder“ zum „Wiedergeburtsfest des freien Gedankens“ begrüßt. Maßmann war ein radikalerer Student aus Berlin, der den nationalistischen Lehren des Turnvaters Friedrich Ludwig Jahn folgte und die Bücherverbrennung auf dem Wartenberg initiierte. Im Stammbuch notierte er nach Namen und Herkunft hinter geschweifter Klammer den Turner-Wahlspruch: „Frisch, frei, fröhlich und fromm: ist des Burschen Reichthum!“ (Abb. 5).

Signiert haben außerdem Friedrich Wilhelm Carové aus Heidelberg, dessen Festrede am zweiten Festtag ein tiefsinniges humanistisches Plädoyer zur Erneuerung der Gesellschaft darstellte, sowie Carl Ludwig Sand, der 1819 den konservativen Dichter und russischen Gesandten August von Kotzebue ermorden und damit die Karlsbader Beschlüsse heraufbeschwören sollte, die zum Verbot der Burschenschaften, zu Zensur und Einschränkung der Meinungsfreiheit führten. Als Reaktion auf die Aufhebung der Burschenschaften 1819 schrieb August Daniel von Binzer, der 1817 als Kieler Student am Wartburgfest teilgenommen hatte, eine Notenzeile und Strophen des von ihm eigens gedichteten Liedes Wir hatten gebauet ein stattliches Haus auf das Vorsatzblatt des Stammbuchs (Abb. 6). Es zeugt von enttäuschten Hoffnungen, ruft die ehemaligen Burschenschafter aber auch zum Zusammenhalt und zum Weitertragen der Ideale auf.

Somit birgt dieses vergleichsweise unscheinbare Buch unschätzbare Informationen über Personen und Ereignisse rund um das Wartburgfest von 1817. Die Erinnerung daran wird seit 2023 übrigens mit dem Wartburg-Fest der Demokratie wachgehalten, das in Kooperation mit der Gesellschaft zur Erforschung der Demokratie-Geschichte und der Stadtverwaltung Eisenach stattfindet und eine wissenschaftliche Tagung, einen Festakt auf der Wartburg und ein internationales Studierendenforum umfasst.

Auch 2026 wird es wieder begangen:  Am 14. Oktober 2026 um 19 Uhr wird Sabine Leutheusser-Schnarrenberger eine Festrede zum Thema Unabhängige Justiz – Bollwerk der Demokratie halten. Am 17. Oktober 2026 um 12 Uhr startet eine Wanderung vom Eisenacher Marktplatz auf die Wartburg, wo das internationale Student Forum on Future Democracy seine diesjährige Deklaration zur Zukunft der Demokratie vorstellen wird. Seien Sie doch dabei, Sie sind herzlich eingeladen!

Abbildungsunterschriften und -nachweise:

Abb. 1: Stammbuch aller Burschen, die auf der Wartburg bei Eisenach die Kirchenverbesserung durch Luther und die Leipziger Schlacht am 18ten Siegesmonds gefeiert haben, 18. Oktober 1817–April 1821, Handschrift, Titelblatt, Wartburg-Stiftung, Archiv, Inv.-Nr. GB 0040

Abb. 2: Zug der Burschen auf die Wartburg, Johann Heinrich Hose, nach 1817, Stahlstich, Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung, Inv.-Nr. G2693

Abb. 3: Die Bücherverbrennung beim Wartburgfest 1817, Wenzel Pobuda, Mitte 19. Jahrhundert, Stahlstich, Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung, Inv.-Nr. G0407

Abb. 4: Blick in das Stammbuch mit den aufgeschlagenen Seiten 8 und 9

Abb. 5: Seite 11 mit Eintragungen Heinrich Hermann Riemanns (dritter von unten) und Hans Ferdinand Maßmanns (zweiter von unten)

Abb. 6: Das Lied Wir hatten gebauet ein stattliches Haus von August Daniel von Binzer auf dem Vorsatzblatt

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