Das Sängerkriegsfresko von Moritz von Schwind

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Abb. 1 Der Sängersaal im Palas der Wartburg
Abb. 1 Der Sängersaal im Palas der Wartburg

Evelyn Ziemens, Mitarbeiterin im Museumsshop der Wartburg, stellt ihr Lieblingsobjekt des Monats Januar 2026 vor: „Nachdem mit der Sängerlaube und dem sog. Minnesängerschrank, schon zwei Lieblingsobjekte Kunstwerken gewidmet waren, die im Sängersaal des Palas der Wartburg von der Zeit des Minnesangs, den mittelalterlichen Sängern und Dichtern, ihren Werken und ihrem Mäzen Landgraf Hermann I. erzählen, wird es endlich Zeit, auch mal das Bild genauer anschauen, das den sagenhaften Streit der Sänger wiedergibt: das berühmte Fresko vom Sängerkrieg, 1855 gemalt von Moritz von Schwind (Abb. 1, 2).“

Galerie

  • Abb. 1 Der Sängersaal im Palas der Wartburg
    Abb. 1 Der Sängersaal im Palas der Wartburg
  • Abb. 2 Blick auf das Sängerkriegsfresko im Sängersaal der Wartburg von Moritz von Schwind
    Abb. 2 Blick auf das Sängerkriegsfresko im Sängersaal der Wartburg von Moritz von Schwind
  • Abb. 3 Der Sängerkrieg, L. F. Richter (sc.) nach Moritz von Schwind, 1852, Radierung, leicht veränderte Version des Frankfurter Ölbildes
    Abb. 3 Der Sängerkrieg, L. F. Richter (sc.) nach Moritz von Schwind, 1852, Radierung, leicht veränderte Version des Frankfurter Ölbildes
  • Abb. 4 Das Sängerkriegsfresko im Sängersaal der Wartburg von Moritz von Schwind
    Abb. 4 Das Sängerkriegsfresko im Sängersaal der Wartburg von Moritz von Schwind
  • Abb. 5 Klingsor, Kopfstudie, Moritz von Schwind, undatiert, Bleistiftzeichnung
    Abb. 5 Klingsor, Kopfstudie, Moritz von Schwind, undatiert, Bleistiftzeichnung
  • Abb. 6 Porträt des Großherzogs Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach, Moritz von Schwind, 1854, Bleistiftzeichnung
    Abb. 6 Porträt des Großherzogs Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach, Moritz von Schwind, 1854, Bleistiftzeichnung
  • Abb. 7 Porträt von Erbgroßherzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach, Moritz von Schwind, 1854/1855, Bleistiftzeichnung
    Abb. 7 Porträt von Erbgroßherzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach, Moritz von Schwind, 1854/1855, Bleistiftzeichnung
  • Abb. 8 Der Sängersaal auf der Wartburg, Hans Anton Willard, um 1860, Farblithografie, koloriert
    Abb. 8 Der Sängersaal auf der Wartburg, Hans Anton Willard, um 1860, Farblithografie, koloriert

Der spätromantische Maler Moritz von Schwind hat zwei Sommer hier auf der Wartburg verbracht, in denen er zuerst im Landgrafenzimmer die Sagen der Thüringer Landgrafen dargestellt hat, 1855 dann in der Elisabethgalerie Momente aus dem Leben der hl. Elisabeth und die Werke der Barmherzigkeit gemalt und im gleichen Jahr schließlich noch dem legendären Sängerkrieg ein Denkmal gesetzt hat.

Von einem angeblichen Sängerwettstreit am Hofe des thüringischen Landgrafen Hermanns I. berichten verschiedene Sangspruchgedichte des 13. Jahrhunderts, die in abweichenden Fassungen in mehreren Liederhandschriften überliefert sind: Am Hof Hermanns (von der Wartburg ist erst in einer der späteren Dichtungen die Rede) versammelten sich sechs Minnesänger: Heinrich von Ofterdingen, Walther von der Vogelweide, der tugendhafte Schreiber, Biterolf, Reinmar von Zweter und Wolfram von Eschenbach. Es galt, den besten Fürsten auf die kunstvollste Art zu preisen. Der leichtsinnige Heinrich von Ofterdingen, der sich als einziger nicht an die ungeschriebene Regel hielt, den freigiebigen Gastgeber zu besingen, lobte den Herzog von Österreich. Daraufhin wurde er von der erzürnten Sängerschaft zum Verlierer erklärt und sollte dem Henker Meister Stempfel übergeben werden. Heinrich erflehte den Schutz der Landgräfin und durfte den ungarischen Magier Klingsor hinzuziehen, der den „Krieg“ ein Jahr später schließlich schlichten konnte, ohne dass jemand sein Leben lassen musste.

Thüringische Geschichtsschreiber haben den literarischen Stoff später in ihre Chroniken aufgenommen und machten ihn so quasi zum historischen Ereignis. Außerdem verknüpften sie den Sängerwettstreit mit der heiligen Elisabeth, denn ihre Geburt soll Klingsor dort vorhergesagt haben. Durch Richard Wagners 1845 uraufgeführte Oper „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg“ wurde der Sagenstoff schließlich weltberühmt.

Mit dem sog. Wartburgkrieg hatte sich Schwind schon mehrfach beschäftigt, bevor er 1853 von Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach mit den Fresken beauftragt wurde. Nachdem er 1837 bereits eine gezeichnete Fassung geschaffen hatte, besuchte der Maler 1845 die Burg, um sich ein Bild vom Ort des Sängerkrieges zu machen, denn in dieser Zeit arbeitete er gerade in Frankfurt an einem großformatigen Gemälde zum Thema (Abb. 3).

In seinem Wartburg-Fresko (Abb. 4) verbindet Schwind zwei eigentlich zeitlich versetzte Ereignisse: In der Bildmitte wird der Betrachter einerseits Zeuge der Niederlage von Heinrich von Ofterdingen, der sich gerade zu Füßen der Landgräfin niedergeworfen hat und ihren Schutz erbittet, andererseits naht die Schlichtung des Streits durch Klingsor ein Jahr später (Abb. 5). Er schwebt in der linken Bildhälfte auf einer Wolke herein.

Besonders geschickt werden von dem Künstler hier Tatsachen geschaffen: Betrachtet man die Architektur, vor der sich die Szene abspielt, erkennt man sofort den Saal wieder, in dem man sich gerade befindet. Aber damit nicht genug: Die Inschrift unter dem Bild soll keinerlei Zweifel aufkommen lassen. „In diesem Saale wurde der Sängerstreit gehalten den 7ten Juli 1207, dem Geburtstag der heiligen Elisabeth“. Spätestens damit wurde der Sängersaal allgemein als authentischer Ort des Sängerwettstreits wahrgenommen.

Darüber hinaus hat Schwind die Dargestellten mit Porträts berühmter Persönlichkeiten der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart ausgestattet, darunter Herzogin Anna Amalia als Landgräfin und rechts neben der Sängerlaube Goethe und Schiller als Jünglinge. Dem Auftraggeber Carl Alexander hat er in der rechten Bildhälfte einen prominenten Platz als Fürst zugewiesen, der auf der auf die große Vergangenheit seiner Dynastie hinweist (Abb. 6). Hinter seinem ausgestreckten Arm sind Wartburgkommandant Bernhard von Arnswald und Architekt Hugo von Ritgen zu erkennen. Auf Wunsch des Großherzogs kniet sein Sohn Carl August mit dem Wappenschild vor ihm (Abb. 7), und Franz Liszt tritt rechts vom Landgrafenpaar als Wolfram von Eschenbach auf. Links neben der Sängerlaube erscheinen die Porträts des Malers Wilhelm von Kaulbach als himmelwärts blickender Pilger, des Eisenacher Musikdirektors Kühmstedt und des Bezirksrats von Schwendler direkt dahinter. Beide waren mit dem Maler befreundet. Neben dem Adjutanten des Großherzogs Graf Henckel von Donnersmarck am rechten Bildrand hat Schwind sein Selbstporträt im Profil auch noch ins Geschehen „geschmuggelt“.

Dass diese Persönlichkeiten im Bild dargestellt worden sind, gilt als sicher. Allerdings hört und liest man von deutlich mehr Menschen, die sich hier verbergen sollen. So hat Schwind beispielsweise geäußert, dass er den befreundeten Märchendichter und Sagensammler Ludwig Bechstein darstellen wollte, dessen Sängerkriegserzählung ihm als Vorlage diente. Ihn glaubt man deshalb in der Figur Walthers von der Vogelweide links vom Henker zu erkennen. Der Scharfrichter Meister Stempfel soll übrigens ein Original der Wartburg sein: der Burgdiener Andreas Laufer.

Erscheinen diese Personen noch ziemlich nachvollziehbar, wird es bei drei anderen wirklich schwierig. Martin Luther soll als Junker Jörg mit Laute am rechten Bildrand stehen und rechts daneben sogar noch Philipp Melanchthon zu sehen sein. Sollte der entschiedene Katholik Schwind ausgerechnet diese beiden Männer verewigt haben? Schwer vorstellbar…Noch komplizierter wird es aber bei der Figur Heinrich des Schreibers, der direkt vor Carl Alexander auf der rechten Bildseite sitzt. Hier hält sich nämlich seit Jahrzehnten hartnäckig das Gerücht, dass der Maler in diesem Minnesänger Richard Wagner dargestellt hat. Auch dafür gibt es keine Beweise. Weder sieht die Figur dem Komponisten auch nur entfernt ähnlich, noch konnte Schwind etwas mit dessen „Zukunftsmusik“ anfangen. Dass viele Gäste der Wartburg seinen Sängerkrieg mit der Handlung von Wagners Oper gleichsetzten und sogar den Tannhäuser in seinem Bild suchten, hat den Maler fürchterlich geärgert (Abb. 8). Dass er den beinahe verhassten Komponisten in die erlesene Runde der Porträtierten aufgenommen hat, gilt deshalb heute als unwahrscheinlich, ja sogar unmöglich.

Wer sich selbst ein Bild vom legendären Sängerwettstreit und den dargestellten Persönlichkeiten machen möchte, kann das zu den Öffnungszeiten bei einem geführten oder individuellen Rundgang durch den Palas tun.

Abbildungsunterschriften und -nachweise:

Abb. 1: Der Sängersaal im Palas der Wartburg, Wartburg-Stiftung, Fotothek, Rainer Salzmann

Abb. 2: Blick auf das Sängerkriegsfresko im Sängersaal der Wartburg von Moritz von Schwind, Wartburg-Stiftung, Fotothek, Rainer Salzmann

Abb. 3: Der Sängerkrieg, L. F. Richter (sc.) nach Moritz von Schwind, 1852, Radierung, leicht veränderte Version des Frankfurter Ölbildes, Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung, Inv.-Nr. G2706

Abb. 4: Das Sängerkriegsfresko im Sängersaal der Wartburg von Moritz von Schwind, Wartburg-Stiftung, Fotothek, Rainer Salzmann

Abb. 5: Klingsor, Kopfstudie, Moritz von Schwind, undatiert, Bleistiftzeichnung, Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung, Inv.-Nr. G2697

Abb. 6: Porträt des Großherzogs Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach, Moritz von Schwind, 1854, Bleistiftzeichnung, Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung, Inv.-Nr. G2699

Abb. 7: Porträt von Erbgroßherzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach, Moritz von Schwind, 1854/1855, Bleistiftzeichnung, Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung, Inv.-Nr. G2700

Abb. 8: Der Sängersaal auf der Wartburg, Hans Anton Willard, um 1860, Farblithografie, koloriert, Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung, Inv.-Nr. G2828

 

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