Das Menschenleben in Tiergestalt Günther Laufer, 1966/67 geschaffen für das Hotel auf der Wartburg Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung, Inv.-Nr. KL0380 Dauerleihgabe der Wartburg-Stiftung an das Thüringer Museum Eisenach

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Abb. 6:  Das Menschenleben in Tiergestalt, Günther Laufer, 1966/67
Abb. 6: Das Menschenleben in Tiergestalt, Günther Laufer, 1966/67

Grit Jacobs, Leiterin der Sammlungen, stellt ihr Lieblingsobjekt des Monats September 2025 vor: „Vor einigen Tagen fand im Thüringer Museum die feierliche Enthüllung des Kunstwerks ‚Das Menschenleben in Tiergestalt‘ von Günther Laufer statt, das als Leihgabe der Wartburg-Stiftung nun seinen Platz im Eisenacher Stadtschloss gefunden hat. Nicht nur über dieses Kunstwerk und seine Bildinhalte, sondern auch über die Inspirationsquelle, die ehemaligen Malereien im Festsaalgang der Wartburg, gibt es Interessantes zu erzählen.“

Galerie

  • Abb. 1:  Der Gang vor dem Festsaal der Wartburg nach Norden mit den Malereien von Michael Welter, anonym, 1952, Fotografie
    Abb. 1: Der Gang vor dem Festsaal der Wartburg nach Norden mit den Malereien von Michael Welter, anonym, 1952, Fotografie
  • Abb. 2:  Der Gang vor dem Festsaal der Wartburg nach Süden mit den Malereien von Michael Welter, anonym, September 1955, Fotografie
    Abb. 2: Der Gang vor dem Festsaal der Wartburg nach Süden mit den Malereien von Michael Welter, anonym, September 1955, Fotografie
  • Abb. 3: Postkarte „Gruß von der Wartburg“ mit dem menschlichen Leben in Tiergestalt, vor 1920
    Abb. 3: Postkarte „Gruß von der Wartburg“ mit dem menschlichen Leben in Tiergestalt, vor 1920
  • Abb. 4:  Postkarte „Das menschliche Leben in Tiergestalten“, nach 1930
    Abb. 4: Postkarte „Das menschliche Leben in Tiergestalten“, nach 1930
  • Abb. 5:  Artikel zu Günther Laufers Wandgestaltung in „Das Volk“, 4.1.1967
    Abb. 5: Artikel zu Günther Laufers Wandgestaltung in „Das Volk“, 4.1.1967
  • Abb. 6:  Das Menschenleben in Tiergestalt, Günther Laufer, 1966/67
    Abb. 6: Das Menschenleben in Tiergestalt, Günther Laufer, 1966/67
  • Abb. 7:  Das Menschenleben in Tiergestalt, Detail, Thüringer Museum Eisenach, Foto: Michael Kunze
    Abb. 7: Das Menschenleben in Tiergestalt, Detail, Thüringer Museum Eisenach, Foto: Michael Kunze
  • Abb. 8: Die Präsentation von Günther Laufers Werken im Westflügel des Eisenacher Stadtschlosses, Thüringer Museum Eisenach, Foto: Michael Kunze
    Abb. 8: Die Präsentation von Günther Laufers Werken im Westflügel des Eisenacher Stadtschlosses, Thüringer Museum Eisenach, Foto: Michael Kunze

Als Philipp Freytag in den 1870er Jahren auf der Wartburg weilte, durfte er alle Räume ausgiebig in Augenschein nehmen, um sie später in seinem Buch „Wartburgerinnerungen“ vorzustellen. In diesem „Cicerone“ schildert der Autor unterhaltsam die großen und kleinen Geschichten der Wartburg und hat dafür oft auch den Fremdenführern gelauscht, deren Erklärungen er gern beim ein oder anderen Thema wiedergibt. So liest man etwa zum Gang vor dem Festsaal der Wartburg (Abb. 1): „Die Dekoration dieses Ganges besteht in stylgemässem Arabeskenwerk. Dazwischen hinein verwebt sind zwanzig Medaillons mit Thiergestalten, deren Zweck und Bedeutung eine humoristische Darstellung der verschiedenen Stufen des menschlichen Lebens [ist]. Die Laune des Künstlers vergleicht den zehnjährigen Knaben mit einem Kalbe, den zwanzigjährigen Jüngling mit einem Bock, den dreissigjährigen Mann mit einem Stier. Die weiteren Stadien des männlichen Menschenlebens von zehn zu zehn Jahren werden durch Löwe, Fuchs, Wolf, Hund, Kater, Esel und Ochsentodtenkopf bezeichnet. Als ich das erstemal diese ergötzlichen Figuren in Gesellschaft mit vielen Reisenden beiderlei Geschlechts sah, erregte die Explication der wunderlichen Stufenfolge bei dem weiblichen Theil der Gesellschaft sehr grosses und mit unverkennbarer Schadenfreude gemischtes Gelächter. Der alte Führer hörte sich dasselbe eine Zeit lang in Ruhe an. Dann aber sprach er: ‚Lachen Sie nicht allzu sehr, meine hochverehrten Damen, Sie gehen nicht leer aus.‘ Und mit behaglichem Schmunzeln ging der Alte nach dieser viel verheissenden Einleitung auf die Erklärung der anderen zehn Thiergestalten über, welche das weibliche Leben darstellen. Das zehnjährige Mädchen ist ein Küchlein, die zwanzigjährige Jungfrau ein zartes Täubchen. Aber in diesem galanten Tone geht es nicht weiter; denn die anderen Figuren sind recht boshaft gewählt. Es folgen nämlich Elster, Pfau, Henne, Gans, Geier, Eule, Fledermaus und Schnabeltodtenkopf.“

Gerade weil diese unscheinbar angebrachten Darstellungen an der Fensterseite des Gangs vor dem Festsaal (Abb. 2) die Fantasie der Wartburggäste anregten und für einige Heiterkeit sorgten, erfreuten sich die Kunstwerke des Kölner Malers Michael Welter sehr großer Beliebtheit. Spätestens zur Jahrhundertwende waren sie sogar schon zu Postkartenmotiven geworden (Abb. 3, 4).

Geht man heute durch den Festsaalgang sucht man die Malereien allerdings vergebens. Warum? Nun, die bittere Wahrheit ist: Sie wurden entfernt. Eine umfangreiche Bau- und Restaurierungskampagne, die zwischen 1952 und 1960 auf der Wartburg durchgeführt wurde, umfasste nämlich keineswegs nur notwendige Restaurierungsarbeiten, Ziel war auch die „Beseitigung aller romantisierenden und fälschlichen Zutaten“ des 19. Jahrhunderts. Um der Burg soweit wie möglich wieder ihre mittelalterliche Gestalt zu geben, sind viele Kunstwerke und sogar ganze Raumausstattungen, die während der Erneuerung der Burg im 19. Jahrhundert geschaffen wurden, abgebaut, ins Depot verlagert oder eben sogar zerstört worden.

Vergessen wurden Michael Welters humorvolle Malereien jedoch nicht. 1967, im Jahr der Nationalen Jubiläen, traten die Motive des „Menschenlebens in Tiergestalt“ als neues Kunstwerk, geschaffen für das eben aufwändig renovierte Wartburghotel, ins Licht der Öffentlichkeit. Für das Restaurant hat Günther Laufer, Eisenacher Kunstschmied, Metallkünstler und seit jenem Jahr Professor für Metallgestaltung an der Hochschule für industrielle Formgestaltung Burg Giebichenstein, Wandgestaltungen und Gitter geschaffen (Abb. 5). Dem Künstler sind zahlreiche Werke auf der Wartburg zu verdanken, zu den prominentesten gehört das Kreuz auf dem Bergfried, dessen Erneuerung und Wiederaufstellung er 1946 stiftete. Auch die auf einen Entwurf Hugo von Ritgens zurückgehenden Kronleuchter in Fest- und Sängersaal des Palas wurden von Laufer und seiner Werkstatt geschaffen.

Es ist gut vorstellbar, dass sich in den 1960er Jahren noch viele Gäste des Wartburghotels beim Anblick von Laufers „Menschenleben in Tiergestalt“ an das Vorbild im Wartburgpalas erinnern konnten oder in ihrer Sammlung noch eine alte Postkarte mit den Motiven besaßen. Sie wird das neue Kunstwerk besonders erfreut haben.

Wie vielen Kunstwerken der DDR-Zeit stand allerdings auch Günther Laufers Werken eine wechselvolle Zeit bevor: In den 1990er Jahren wurden zahlreiche Arbeiten abgebaut. Sie entsprachen nicht mehr dem Zeitgeschmack, und ihr Kunstwert wurde nicht (an)erkannt. Bei einer Renovierung des Wartburghotels mussten auch die Stücke aus dem Restaurant weichen; glücklicherweise wurden sie aber ins Depot der Wartburg übernommen. Nicht mehr in bestem Zustand wartete auch das „Menschenleben in Tiergestalt“ auf die längst fällige Anerkennung seines Kunstwerts und eine neue Bestimmung.

Ende 2023 trat schließlich der Förderkreis zur Erhaltung Eisenachs e.V. an die Wartburg-Stiftung mit dem Vorschlag heran, das Kunstwerk zu restaurieren und wieder auszustellen. Der Förderkreis, der sich u. a. unermüdlich für die Restaurierung von Kunstwerken in Eisenach einsetzt, hat bereits für die Erhaltung von etlichen Werken Günther Laufers in Eisenach gesorgt. Nach mehr als 150 Stunden von Mitgliedern des Vereins geleisteter Arbeit erstrahlt das Gitter in neuem Glanz und konnte jüngst seinen festen Platz im Thüringer Museum einnehmen (Abb. 6-8). Dort ist es zu den Öffnungszeiten zu besichtigen.
Umgeben ist das Kunstwerk von einer Präsentation weiterer Metallobjekte Laufers und anderer Künstler. Gleich daneben hängt das eindrucksvolle Porträt Günther Laufers von Jost Heyder.

Auf der Wartburg lohnt sich ein Rundgang, um die zahlreichen Metallobjekte von Günther Laufer und seinem Vater und Vorgänger Gustav zu entdecken, die bis heute das Bild der Burg prägen. Die Bandbreite reicht von Laternen über Fenstergitter, Türdrücker und -beschläge bis hin zur Eingangstür, dem Geländer und dem Leuchter des Neuen Treppenhauses, und damit sind längst noch nicht alle erfasst.

Abbildungsunterschriften und -nachweise:

Abb. 1: Der Gang vor dem Festsaal der Wartburg nach Norden mit den Malereien von Michael Welter, anonym, 1952, Fotografie, Wartburg-Stiftung, Fotothek, Inv.-Nr. Abz_02_0147

Abb. 2: Der Gang vor dem Festsaal der Wartburg nach Süden mit den Malereien von Michael Welter, anonym, September 1955, Fotografie, Wartburg-Stiftung, Fotothek, Inv.-Nr. Abz_02_0106-56

Abb. 3: Postkarte „Gruß von der Wartburg“ mit dem menschlichen Leben in Tiergestalt, vor 1920, Wartburg-Stiftung, Fotothek, Inv.-Nr. PK_1175

Abb. 4: Postkarte „Das menschliche Leben in Tiergestalten“, nach 1930, Wartburg-Stiftung, Fotothek, Inv.-Nr. PK_1026

Abb. 5: Artikel zu Günther Laufers Wandgestaltung in „Das Volk“, 4.1.1967, Wartburg-Stiftung, Archiv

Abb. 6: Das Menschenleben in Tiergestalt, Günther Laufer, 1966/67, Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung, Inv.-Nr. KL0380
Thüringer Museum Eisenach, Foto: Michael Kunze

Abb. 7: Das Menschenleben in Tiergestalt, Detail, Thüringer Museum Eisenach, Foto: Michael Kunze

Abb. 8: Die Präsentation von Günther Laufers Werken im Westflügel des Eisenacher Stadtschlosses, Thüringer Museum Eisenach, Foto: Michael Kunze

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