Gesticktes Kaselkreuz mit der Darstellung der Geburt Christi Gold- und Seidenstickerei, mittelrheinisch(?), ca. 1460–1480, Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung, Inv.-Nr. KT0007

Christine Fröhlich, wissenschaftliche Volontärin, stellt ihr Lieblingsobjekt des Monats Dezember 2020 vor: „An diesem Lieblingsobjekt gefällt mir besonders gut, dass es nicht nur ein Stück Weihnachten verkörpert, sondern dass sich hinter dem Textilkreuz noch mehr verbirgt, als man auf den ersten Blick vermutet.“


Gesticktes Kaselkreuz mit der Darstellung der Geburt Christi, Gold- und Seidenstickerei, mittelrheinisch(?), ca. 1460-1480, Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung, Inv.-Nr. KT0007
Gesticktes Kaselkreuz mit der Darstellung der Geburt Christi, Gold- und Seidenstickerei, mittelrheinisch(?), ca. 1460-1480, Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung, Inv.-Nr. KT0007

Der weihnachtliche Zusammenhang dieser Seidenstickerei erschließt sich rasch: Bildlich sowie inhaltlich im Mittelpunkt stehen das in einen Strahlenkranz gebettete Jesuskind und Maria, die anbetend vor ihm kniet. Über ihnen schweben zwei Engel mit buntschillernden Flügeln, die ihre Freude mit Gesang kundtun und sich dabei ein (Noten?)buch teilen. Links vom Jesuskind stehen die Heiligen Drei Könige Schlange, um ihre Geschenke zu überreichen. Rechts sitzt Josef in Gesellschaft von Ochs und Esel, die natürlich nicht fehlen dürfen. Einst muss die Stickerei noch weihnachtlicher und zudem sehr prächtig gewirkt haben, denn die heute dunkelblau-schwarz angelaufenen Fäden, beispielsweise an Marias Kleid oder den Kreiselsonnen im Hintergrund, sind mit vergoldeten Häutchen umwickelt.

Die Felder im unteren Teil des Kreuzes erzählen, wie es unmittelbar nach der Weihnachtsgeschichte weiterging: Das obere zeigt die Beschneidung Jesu, das untere den von König Herodes in Auftrag gegebenen Kindermord in Bethlehem. Damit wollte sich der Herrscher seiner Konkurrenz, des neugeborenen Königs der Juden entledigen. Jesus entkam jedoch, da seine Familie mit ihm nach Ägypten floh.

Was man beim Anblick des 1,25 Meter langen Textilkreuzes kaum vermutet, ist, dass es ursprünglich Teil eines Kleidungsstückes war. Einst war es als dekorativer Blickfang auf eine Kasel aufgenäht, also auf ein Gewand, das von Priestern und Bischöfen bei der heiligen Messe getragen wird und vom Aussehen her einem Poncho ähnelt. In der katholischen Kirche finden Kaseln noch heute Verwendung.

Ebenfalls nicht erwarten würde man, dass dieses spätmittelalterliche Objekt in Serienproduktion hergestellt wurde. In den Sammlungen einiger anderer Häuser, wie beispielsweise im Metropolitan Museum of Art in New York oder im Museum Schnütgen in Köln, finden sich verblüffend ähnliche Kaselkreuze. Die Figuren gleichen sich hinsichtlich der Form dabei so sehr, dass sie wahrscheinlich in der gleichen Werkstatt von der gleichen Vorlage kopiert worden sind. Im Spätmittelalter wurden zum Kopieren sogenannte Lochpausen verwendet. Dafür wurde die Vorlage auf ein Blatt gezeichnet und in die Linien der Zeichnung Löcher gestochen. Anschließend wurde die Vorlage auf den Stoff gelegt und man rieb mit Kohlestaub darüber, so dass dieser durch die Löcher auf den Stoff gelangte. Möglicherweise wurde die Vorlage bei diesem Kaselkreuz und seinen Verwandten aber auch arbeitszeitsparend mit einem Druckverfahren auf den Stoff aufgedruckt.

Trotz Serienproduktion blieb dennoch ein gewisser künstlerischer Spielraum erhalten. So unterscheiden sich beispielsweise die Farben der verwendeten Fäden und auch Variationen in der Motivauswahl für die einzelnen Felder waren möglich.

Mit diesem „weihnachtlichen“ Kunstwerk aus der Kunstsammlung der Wartburg sei in diesem schwierigen und ungewöhnlichen Jahr allen eine schöne Adventszeit und ein frohes Weihnachtsfest gewünscht.

Detail aus dem Kaselkreuz, Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung, Inv.-Nr. KT0007
Detail aus dem Kaselkreuz, Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung, Inv.-Nr. KT0007


Übersicht: Objekt des Monats