Blick auf den Südturm der Wartburg August von Wille, 1859, Öl auf Leinwand

Frank Worlitzer, Museumspädagoge, stellt sein Lieblingsobjekt des Monats November 2021 vor: „August von Wille teilt in seinen Gemälden mit uns den romantischen Blick auf eine, wenn auch fiktionalisierte, Wartburg der Vergangenheit. Das Südturm-Bild lädt zum Träumen ein – über die Burggeschichte und die Weiten des Thüringer Waldes.“


August von Wille: Blick auf den Südturm der Wartburg, 1859, Öl auf Leinwand, 57,9 x 46 cm, Wartburg-Stiftung Kunstsammlung Inv.-Nr. M0262
August von Wille: Blick auf den Südturm der Wartburg, 1859, Öl auf Leinwand, 57,9 x 46 cm, Wartburg-Stiftung Kunstsammlung Inv.-Nr. M0262

1992 hat die Wartburg-Stiftung dieses Gemälde nicht nur aufgrund seiner Bedeutung für die Burggeschichte, sondern auch seiner malerischen Qualität und des guten Erhaltungszustands wegen von einer Berliner Galerie erworben. Links unten finden sich Signatur und Datierung: August von Wille, 1859. Der an der Düsseldorfer Akademie ausgebildete Künstler August von Wille (1828–1887) hatte sich 1854 als freier Maler dort niedergelassen und von 1863 an bis zu seinem Tode gelebt. Der Blick auf den Südturm entstand indes während seines vergleichsweise kurzen Lebensabschnitts in Weimar. Zwischen 1858 und 1862 hatte er sich dort wiederholt aufgehalten und eine Familie gegründet. Zu seiner großen Enttäuschung jedoch ohne in den Lehrkörper der dort neu gegründeten Kunstschule aufgenommen zu werden.

Von Wille hatte, so liest man im Allgemeinen Lexikon der bildenden Künstler, eine besondere Vorliebe für „romantische Architekturmotive, winkelige Gassen malerische Rhein- und Moselstädtchen, Burg- und Klosterruinen, bisweilen mit mittelalterlicher Staffage“. Eine jener Burgruinen, die Wille so liebte, scheint er in der Wartburg gefunden und künstlerisch verarbeitet zu haben: Hier fehlen einige Zinnen, dort bröckelt der Putz, die Treppe schlängelt sich, teils von einem in die Jahre gekommenen Holzdach beschattet, wenig vertrauensvoll den Turm nach oben. Trotzdem haben sich zwei Edelleute hinauf gewagt. Während einer mit dem Horn Signal gibt, schaut ein Zweiter in den Innenhof hinab – vielleicht seinen Gefährten hinterher, die sich in der frühabendlichen Stunde noch ins Gespräch mit einem mit Hellebarde bewehrten Wachmann vertieft haben. Die Burgruine wurde bereits von der Natur zurückerobert, selbst die Zinnen sind von Gestrüpp überwuchert. Seinen Blick auf den Südturm malte von Wille in warmen Farben, lässt die bereits allmählich untergehende Sonne dennoch lange Schatten über die Burgidylle werfen.

Wie den Tageblättern des Wartburgkommandanten Bernhard von Arnswald zu entnehmen ist, besuchte von Wille die Wartburg im Entstehungsjahr des Gemäldes gleich dreimal für einige Tage. Zuerst im April 1859, erneut im Juli/August und schließlich im Oktober. Seine Burgaufenthalte müssen anregend für ihn gewesen sein, entwickelte er doch eine künstlerische Schaffenskraft, die er später nicht mehr erreichen sollte. Motivierend mag auch die Hoffnung gewirkt haben, sich bei Hofe in Weimar mit entsprechenden Bildern der Wartburg als Künstler in Position zu bringen. Carl Alexander, Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach, lag viel daran, die Bedeutung der Wartburg für die deutsche Geschichte und Kunst und somit freilich auch die Stellung seines Landes im Deutschen Bund herauszustellen. Für den jungen Künstler von Wille war dies eine Gelegenheit zu überzeugen. Auf den 16. April datiert denn auch bereits eine erste Zeichnung, die sich ebenfalls im Bestand der Wartburg-Stiftung befindet. Von Wille zeichnete damals das geöffnete Tor am Eingang der Wartburg in hoher Detailverliebtheit und -treue. Nicht wenige seiner Wartburgansichten muten dagegen fantastisch an. Sein Sängerkrieg auf der Wartburg zeigt etwa einen mächtigen neoromanischen Turm, der über dem Torhaus in die Höhe ragt, den von Wille beim Malen mit Gewissheit nicht im eigentlichen Sinne vor Augen gehabt haben kann. Auch die baulichen Gegebenheiten des Blicks auf den Südturm entsprechen nicht den realen Verhältnissen, denen er selbst bei seinen Wartburgbesuchen begegnet ist. Bereits die auffälligen Erdaufschüttungen dürften von Willes romantischer Fantasie entsprungen sein. So malte er den mittelalterlichen Südturm deutlich schlanker als das Original – vielleicht, um der Landschaft mehr Raum zu geben. Das Umland der Wartburg, auf das der Betrachter von erhöhter Position blickt, erstreckt sich weit bis zum Horizont, lässt aber die vertrauten Gebirgskämme und Landmarken vermissen. Und dennoch lassen der Zinnenkranz, die Treppe und die Bedachung des Turms oder der Verlauf der Mauer die Wartburg auch heute unverkennbar werden. 

Das Gemälde ist während der Öffnungszeiten in der Dauerausstellung der Wartburg zu besichtigen

 

August von Wille: Das Eingangstor der Wartburg von Süden, 1859, Aquarell, Graphit, Pinsel in Braun, laviert, 25,5 x 35,5 cm, Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung, Inv.-Nr. G0687
August von Wille: Das Eingangstor der Wartburg von Süden, 1859, Aquarell, Graphit, Pinsel in Braun, laviert, 25,5 x 35,5 cm, Wartburg-Stiftung, Kunstsammlung, Inv.-Nr. G0687


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