Wartburg - Magazin - Foto: bbsmedien

Die Kunstsammlung der Wartburg Goethes musealer Gedanke

Der 1815 formulierte Plan, das Baudenkmal auch mit sakralen Schnitzwerken „auszuzieren“, geht auf Johann Wolfgang von Goethe zurück, kam jedoch nicht zustande. Erst seit Beginn der baulichen Erneuerung und mit dem Ziel, das Denkmal nun auch würdig auszustatten, entfaltete sich eine rege Sammeltätigkeit.

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Eine europäisch geprägte Kunstkammer

In Erinnerung an Goethes musealen Ge­danken legten die Groß­fürstin Maria Pawlowna und ihr Sohn Carl Alexander von Sachsen-­Weimar-­Eisenach den Grund­stock für eine europäisch geprägte Kunst­kammer, deren Sammlungs­schwer­punkte sich bis heute an den wichtigsten historischen und architektur­ge­schichtlichen Epochen der Wartburg orientieren. Mit Glanzl­ichtern aus der Wartburg-­Sammlung, die heute insgesamt etwa 9.000 Objekte umfasst, illustriert der Gang durch das Museum die Geschichte der Wartburg auf eindrucks­volle Weise.


Romanisches Aquamanile

niedersächsisch, 1. Hälfte 12. Jahrhundert, Gelbguss

Ein Aquamanile – „aqua“ (Wasser), „manus“ (Hand) - ist ein Gerät für die Handwaschung der Priester in der Messe, das meist in Tierform gestaltet war.

Doch auch an den Höfen weltlicher Herrscher waren solche Gießgefäße im profanen Bereich sehr beliebt. Dieser gedrungene Löwe mit seinen aufgerissenen Augen und hochgezogenen Nüstern ist ein besonders imposantes Exemplar.

 

Dokumentenkasten – „Trese“

niederrheinisch / flandrisch (?), um 1400, Buchenholz, Leinwand, Kreide, Goldlack und deckende Farben, Eisenbeschläge

Die längliche Form des überreich verzierten Kastens lässt den Aufbewahrungszweck besonders wertvoller Dokumente, wie Pergamentrollen und Urkunden vermuten.

Reliquienkästchen

Limoges, Beginn 13. Jahrhundert, Holzkern, Kupferplatten, Grubenschmelz

Im Südwesten Frankreichs, um die Stadt Limoges, entstanden in 12. Jahrhundert Manufakturen, die aus verlötetem Kupfer liturgisches Gerät herstellten und ganz Europa belieferten. Flache Vertiefungen im Kupfer (Gruben) wurden mit Glasfluss gefüllt, aufgebrannt und verschliffen. Dieses Kästchen in Schreinform bekrönt von einem durchbrochen Dachfürst diente zur Aufbewahrung einer Reliquie.

 

Wandbehang „Vita der heiligen Elisabeth“

Basel, um 1480/90, Wolle gefärbt und Leinen

Der Behang illustriert Ereignisse aus den letzten vier Lebensjahren der späteren heiligen Elisabeth von Thüringen (1207-1231) nach ihrem Weggang von der Wartburg im Jahr 1228.

 

Quinterne

Hans Ott (Oth), Nürnberg, um 1450, Ahorn und Fichte

Korpus, Hals und Wirbelkasten dieser kleinen Laute sind aus einem Stück Ahorn gefertigt. Die Resonanzdecke besteht aus Fichte und hat ein besonders filigran geschnitztes Schallloch, das als Rose ausgestochen ist.

Im Innern befindet sich ein Zettel mit roten Buchstaben: „Hans Oth, Nuremberg“. Dieser bedeutende Meister war bis 1463 in der fränkischen Metropole nachweisbar.

Sogenannte Wartburg-Bibel

Bibel in der Übersetzung Martin Luthers, gedruckt bei Hans Lufft, Wittenberg 1541

Biblia: das ist:/ Die gantze Heilige Schrifft: Deudsch/ Auffs New zugericht./D. Mart. Luth./ Begnadetmit Kür-/ fürstlicher zu Sachsen Freiheit. Gedrückt zu Wittenberg, durch Hans Lufft./ M.D.X L l

Der wichtigste Bibeldrucker Luthers, Hans Lufft, hat 1534 die erste Lutherische Vollbibel heraus­gegeben, der einige korrigierte Nach­drucke noch zu Leb­zeiten des Reformators folgten. Im Sommer 1539 nahmen Luther und seine Mitarbeiter die erste große Revision der Bibel in Angriff, deren Ertrag bereits zu Teilen in dieses Exemplar einfloss. Der ideelle Wert und die Einzig­artigkeit dieser Bibel liegen vor allem in den Ein­trägen Luthers und einiger seiner Mit­streiter. Der Spiegel des Buch­deckels enthält eine auf 1542 datierte Widmung von Luther, darunter verewigte sich Philipp Melanchthon. Notizen des Erst­besitzers dieser Bibel, des Hallenser Stadt­richters Wolfgang Wesemer, begleiten den gesamten Text.

Gotische Harfe – sogenannte „Wartburgharfe“

alpenländisch, nach 1450, Ahorn, Certosina-Mosaik

Die längliche Form dieses Instrumentes unterscheidet sich deutlich von den gedrungenen Harfen des Mittelalters. In Resonanzkörper und Säule wurden Ornamente aus Bein und Ebenholz in Certosina-Mosaik eingelegt.

Als obere Intarsie an der Säule ist das Wort „wann“ gebildet, das bis heute Rätsel aufgibt – möglicherweise gehörte die Harfe dem Minnesänger Oswald von Wolkenstein, der viele seiner Lieder so einleitete.

Zweigeschossiger Schrank - „Dürerschrank“

fränkisch (Nürnberg), um 1515, Linde, Kirsche, Esche

Dieser Schrank gehört zu den besonderen Kostbarkeiten der Wartburg-Sammlung und wurde bereits bei seinem Ankauf 1841 „nach Aussage Sachverständiger als etwas Außerordentliches geschätzt“.

Für die Reliefschnitzereien dienten Grafiken Albrecht Dürers, Motive des italienischen Meisters Moderno und ein Detail aus Lucas Cranachs „Adam und Eva“ als Vorlagen. Die gelungene Umsetzung in szenische Reliefs, das faszinierende Licht-Schatten-Spiel der glatten Flächen, des spätgotischen Rankenwerks und die Verwendung der verschiedenen Hölzer zeugen vom hohen Können des wahrscheinlich Nürnberger Meisters.

 

Leuchterengel-Paar

Werkstatt Tilman Riemenschneider, um 1510, Lindenholz

Riemenschneiders volksnahe und lyrische Figuren unterscheiden sich bereits in einigen Elementen von der spätgotischen Plastik. Sein Werk steht am Beginn der Neuzeit. Feine Licht-Schatten-Wirkungen und die geschlossene Form der Bildwerke zeugen von der Meisterschaft des Künstlers und seiner Werkstatt.

Das Engelspaar war ein Weihnachtsgeschenk der Großherzogin Sophie an ihren Gemahl Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach, den Begründer der heutigen Kunstsammlung auf der Wartburg.

 

Die Egloffsteinsche Sammlung historischer Bestecke

vom 14. bis zum frühen 19. Jahrhundert

Eine ganz bemerkenswerte Kollektion historischer Essbe­stecke befindet sich seit 1843 auf der Wartburg. Der einstige Sammler, Gottfried Friedrich Ernst Freiherr von und zu Egloffstein (1774-1848), über­eignete die von ihm zusammen­getragenen Schätze der Großherzogin Maria Pawlowna von Sachsen-Weimar für die Aus­stattung der Wartburg.

Vom Inventar fürstlicher Kunstkammern abgesehen, ist keine ältere deutsche Bestecksammlung bekannt und zudem bewahrte sie ihr Platz auf der Wartburg vor dem Schicksal von Auktion und Auflösung.

Die rund 650 Messer, Gabeln und Löffel aus einem Zeitraum vom 14. bis zum frühen 19. Jahrhundert zeichnen sich durch eine überwältigende Materialvielfalt aus und stammen vorwiegend aus deutschen bzw. deutschsprachigen Regionen.

 

Luther als Junker Jörg

Lucas Cranach d.Ä., 1522 (?), Holzschnitt

Das vermutlich letzte grafische Porträt Luthers von der Hand Cranachs d. Ä. ist wohl der Holz­schnitt des »Junkers Jörg«.

Kurfürst Friedrich der Weise hatte Luther nach dem Wormser Reichstag in Sicherheit auf seine Grenz­feste Wartburg bringen lassen. Groß war die Angst um sein Leben, sodass er darüber hinaus auch das Äußere grund­legend wandelte. Die Tonsur ließ er wieder zuwachsen, um nicht als Mönch erkannt zu werden, und ein Vollbart veränderte sein Antlitz darüber hinaus ganz ent­scheidend. Er verließ die schützende Burg aller­dings Anfang Dezember 1521 für einige Tage, eilte nach Wittenberg und traf auch seinen »Gevatter Lucas«. Dort saß ihm Luther Modell. Leider ist die Entwurfs­zeichnung wie die meisten Cranach’schen Skizzen verloren­gegangen. Nach dieser Vorlage entstand der Holzschnitt sicher nicht vor Luthers endgültiger Rückkehr nach Wittenberg am 6. März 1522, worauf der lateinische Text über dem Porträt und die Datierung hinweisen: IMAGO MARTINI LVTERI EO HABITV EX= PRESSA QVO REVERSVS EST EXPATHMO VVITTENBERGAM ANNO DOMINI 1522 (Bildnis Martin Luthers, so dargestellt, wie er aus seinem Patmos nach Wittenberg zurückkehrte).


Mittelalter

In die Welt des Mittelalters entführen beispiels­weise Gieß­gefäße - wie das prächtige romanische Löwen­aqua­manile, ein Doku­menten­kasten oder ein Reliquien­kästchen als Zeit­genossen des romanischen Palas.

Möbel, Textilien und kostbare Gebrauchs­gegen­stände sprechen von der Lebens­weise in den Herrscher­häusern, ein Baseler Bild­teppich des 15. Jahr­hunderts erzählt die Vita der heiligen Elisabeth. Eine Tiroler Harfe, die dem letzten Minnesänger Oswald von Wolken­stein zuge­schrieben wurde, oder eine reich verzierte Laute erinnern an die kulturelle Blütezeit am Hof der Thüringer Landgrafen.

 

Renaissance und Re­formation

Dass auf der Wartburg Renaissance und Re­formation eng ineinander greifen, ist dem Genius Loci geschuldet. Der einzigartige Schrank mit Relief­schnitzereien nach Dürer, die feinen Skulpturen Riemen­schneiders oder Lucas Cranachs d. Ä. „Junge Mutter mit Kind“ korres­pondieren mit den berühmten Porträts der Eltern Martin Luthers, mit den so genannten Ehe­bildnissen des Reformators und seiner Ehefrau Katharina sowie einer in der Wittenberger Werk­statt des Hans Lufft gedruckten Bibel, in der Luther seine Anmerkungen hinterließ.

Ein mittelalterlicher Wehrgang führt der Besucher zur Vogtei, hier schaut er in das filigrane Studierstübchen des Humanisten und Zeitgenossen Luthers, Willibald Pirckheimer, und betritt gleich nebenan die Stube, in der der berühmte Augustinermönch alias Junker Jörg das Neue Testament ins Deutsche übertrug.

Sonderausstellungen

Die Sammlung der Wartburg ist 2017 nicht zu sehen. Ab dem 4. Mai öffnet die Nationale Sonderausstellung „Luther und die Deutschen“ ihre Tore für Besucher. Im Anschluss wird die Dauerausstellung neu gestaltet und präsentiert die Sammlung der Wartburg ab 2018 wieder dem Besucher.

Lutherstube auf der Wartburg